Rothschild-Preisträger Heinz Kurz: Datenkapitalismus stellt Staaten vor bisher ungelöste Regulierungsfragen

Wien (OTS/SK) – Heinz Kurz, emeritierter Wirtschaftsprofessor von der
Universität Graz, hat am Mittwochabend den Kurt Rothschild Preis für
Wirtschaftspublizistik verliehen bekommen. In seiner Rede sprach er
davon, wie der heutige „Datenkapitalismus“ die Souveränität der
Staaten herausfordere, unter anderem deswegen, weil die
multinationalen Technologiegiganten – Kurz sagt: „Superstarfirmen“ –
kaum Steuern zahlen und so die Steuerbasis zum Erodieren bringen.
Dazu kommt, dass die Großen immer größer werden; begünstigt durch
netzwerkökonomische Effekte werde der Wettbewerb de facto
ausgeschalten. Die Staaten stünden hier vor Regulierungsfragen, auf
die sie noch keine erprobten Antworten haben. ****

Der stellvertretende SPÖ-Klubobmann Andreas Schieder hat
die Veranstaltung eröffnet. Neben dem Hauptpreis für Heinz Kurz
wurden zehn WirtschaftswissenschafterInnen ausgezeichnet (siehe OTS
0161 von Mittwoch). Er betonte, wie wichtig der Diskurs mit der
Wissenschaft und mit jungen ForscherInnen sei, gerade in Zeiten, in
denen sich die politische Diskussion auf ganz wenige Fragen,
insbesondere auf Migration, verengt habe – und zwar, wie Schieder
anmerkte, durchaus mit der Absicht von Regierenden über die anderen
großen Herausforderungen nicht reden zu müssen.

Schieder hält es aber für unbedingt notwendig, über
Verteilungsgerechtigkeit, Steuergerechtigkeit, die Macht der
Konzerne, Klimaschutz und Digitalisierung zu reden, denn das alles
hat Auswirkungen auf Gesellschaft und Demokratie. Für diesen Diskurs
sei der Rothschild-Preis ein Impuls und eine Plattform.

Die Direktorin des Renner-Instituts Maria Maltschnig und
der Direktor der Oesterreichischen Nationalbank und Juryvorsitzende
Peter Mooslechner haben Begrüßungsworte gesprochen. Maltschnig zeigte
sich stolz darauf, dass der Rothschild-Preis in seinem mittlerweile
dritten Jahr sich so gut entwickelt hat und, dass unter den
PreisträgerInnen schon ein Netzwerk entstanden ist.

Mooslechner berichtete, wie schwer es die elfköpfige
Jury hatte, die diesjährigen PreisträgerInnen zu küren, „weil es
sehr, sehr viele sehr gute Einreichungen gegeben hat“. Der
Rothschild-Preis sei mittlerweile im gesamten deutschsprachigen Raum
etabliert, gerade weil damit wissenschaftliche Qualität mit
wirtschaftspublizistischer Vermittlung verbunden wird. Das sieht
Mooslechner freilich ganz im Sinne des Namenspatrons, denn Kurt
Rothschilds Suche nach Antworten ging immer über die Grenzen der
akademischen Ökonomie hinaus.

Die Laudatio auf den Hauptpreisträger Heinz Kurz hat der
Wirtschaftswissenschafter Peter Kalmbach von der Universität Bremen
gehalten. Seine theoriegeschichtlichen Arbeiten wie „Geschichte des
ökonomischen Denkens“ haben Kurz weltweite Anerkennung eingetragen.
Aber die Geschichte reiche bei Heinz Kurz eben immer in die Gegenwart
hinein, „Theoriegeschichte ist nicht ein Antiquitätenladen, wo man ab
und zu mal reinschaut“, so Kalmbach. Historisches Verstehen helfe,
heutige Entwicklungen zu verstehen. Diese Untersuchungen führten Kurz
zur Forschung über Digitalisierung und Vernetzung in der Produktion,
ausgeführt unter anderem in der Arbeit „Auf der Schwelle ‚zur vierten
industriellen Revolution'“ aus dem Jahr 2017.

„Daten sind das neue Geld“

Der Preisträger Heinz Kurz sprach dann über die
„Herausforderungen durch den digitalen Kapitalismus“, und das begann
mit einer Exkursion durch die Theoriegeschichte mit Stationen bei
Adam Smith, David Ricardo, Karl Marx, Piero Sraffa und natürlich Kurt
Rothschild. Über Rothschild sagte Kurz: „Er war kein enger Ökonom,
kein Fachidiot“, und deshalb konsequenterweise „ein Kritiker der
neoklassischen Theorie“. Ein zentraler Punkt dabei sei die Einsicht,
dass nicht Ersparnisse ein Land reich machen, sondern Investitionen.
Und: Eine ökonomische Theorie, die Machteinflüsse nicht einrechnet,
sei von vornherein unvollständig.

Kurz warf bei einer „Ortsbestimmung der Gegenwart“ die
Frage auf, wie Demokratie, Freiheit und Macht zusammenwirken.
Wirtschaftshistorisch habe Friedrich Hayek die Kontrolle der Macht
als das größte Problem beschrieben, das durch das Gewaltmonopol des
Staats gelöst werde (freilich hat Hayek dann schnell den Staat als
die Gefahr ausgemacht). Aber die Machtfrage sei unter den Bedingungen
von, wie Kurz das ausdrückt, „Superstarfirmen“ (Hightechkonzerne, die
immer größer werden, durch netzwerkökonomische Effekte konkurrenzlos
agieren) heute neu zu stellen.

Der Finanzkapitalismus und seine Folgen bereite zwar
auch sehr viele Schwierigkeiten, habe aber doch für sich, dass man
ihn schon länger kennt; dagegen sei der Datenkapitalismus noch
schwerer zu verstehen und zu beherrschen. „Daten sind das neue Geld.
Daten gewinnen relativ zu Arbeit, Kapital und traditionellem Geld
immer mehr Bedeutung“, so Kurz.

Aus staatlicher Sicht seien die „Superstarfirmen“ eine
Herausforderung für die nationale Souveränität, sie bringen aufgrund
ausgefeilter Steuervermeidungsstrategien die Steuerbasis zum
Erodieren. Wirtschaftswissenschaftlich auffällig sei an diesen
Firmen, dass sie den Wettbewerb ausschalten („Wer groß ist, wird noch
größer. Wer vorne ist, wird’s bleiben“) und die Staaten vor ganz neue
– und bisher ungelöste – Regulierungsaufgaben stellen.

SERVICE: Alle Informationen zum diesjährigen Rothschild-Preis, den
PreisträgerInnen und ihren Arbeiten finden Sie hier:

[https://tinyurl.com/y9jjebns] (https://tinyurl.com/y9jjebns)

(Schluss) wf/sc

SPÖ-Parlamentsklub
01/40110-3570
klub@spoe.at
https://klub.spoe.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS. www.ots.at
© Copyright APA-OTS Originaltext-Service GmbH und der jeweilige Aussender