
TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: „Alte Rezepte neu überdenken“, von Manfred Mitterwachauer
Ausgabe vom Montag, 3. Dezember 2018
Innsbruck (OTS) – Sowohl in Sachen Tourismus als auch in Fragen der
Raumordnung stehen in Tirol wichtige Weichenstellungen bevor. Auf
altbekannten Pfaden scheint aber da wie dort keine nachhaltige Lösung
möglich. Das muss auch die ÖVP einsehen.
Egal, ob sich die Landesregierung in den kommenden Tagen noch
rasch auf ein neues Seilbahnprogramm einigen kann, ob die aktuellen
Grundsätze einfach um ein Jahr verlängert werden oder ob Tirol mit 1.
Jänner 2019 ganz ohne dieses raumordnungspolitische Instrumentarium
dastehen wird: Die Landespolitik im Allgemeinen und die ÖVP im
Speziellen werden sich nicht länger vor einer breiten Debatte über
die touristische Zukunft Tirols drücken können. Doch nicht ein jeder
scheint dafür bereit zu sein. Das haben die ersten Reaktionen auf die
ablehnende Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts zur geplanten
Skiverbindung Kappl-St. Anton gezeigt. Da werden Gutachter in Zweifel
gezogen und persönlich beleidigt. Da wird ob des – zugegeben
unerwarteten – Scheiterns dieses Einzelprojektes gleich die
Trauerfahne für die gesamte Seilbahnwirtschaft und den
Tourismusstandort Tirol hochgezogen. Eine kritische Selbstreflexion?
Fehlanzeige.
Naturschutz steht über touristischen Interessen: Diese Haltung des
Gerichtes liegt der ÖVP schwer im Magen. Weil sie aus Sicht der
Schwarzen zur Unzeit kommt. Sie konterkariert das von Landeshauptmann
Günther Platter getrommelte Credo vom Nein zu Neuerschließungen und
Ja zu sinnvollen Zusammenschlüssen trefflich. Wenn nun auch der neue
Wirtschaftskammerpräsident Christoph Walser eine Grundsatzdebatte
einfordert, die natürlich die Frage von Endausbaugrenzen nicht
aussparen soll, dann müsste die ÖVP-Spitze wissen, welche Stunde es
geschlagen hat. Es ist Zeit, ausgetretene Pfade zu verlassen und
hatscherten Kompromissen abzuschwören.
Denn: Die Debatte über das Seilbahnprogramm mag vordergründig eine
Frage sein, ob man sich innerkoalitionär gegen die Grünen durchsetzen
kann. Die Frage zur Zukunft des Tourismus geht weit darüber hinaus.
Die Bevölkerung, die mitunter maßgeblich vom Tourismus profitiert,
dennoch aber immer öfter unter den Auswirkungen leidet, muss
eingebunden sein.
Und: Der Tourismus ist eine Querschnittsmaterie. Diese Frage lässt
sich kaum isoliert von anderen brennenden Themen betrachten. Wie dem
Verkehr oder dem leistbaren Wohnen. Die angekündigte
Raumordnungsnovelle ist ein weiterer Spaltpilz. Auch hier zeigt sich
die ÖVP zerrissen. Leistbares Wohnen Ja – aber auf wessen Kosten?
Platters Mammutaufgabe: den VP-Konflikt zwischen Bauern, Wirtschaft,
Gemeinden und AAB zu schlichten.
Allerdings gilt für Tourismus wie Raumordnung: Mit alten Rezepten
kommt man notwendigen Lösungen keinen Schritt näher.
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