Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 17. April 2020. Von MANFRED MITTERWACHAUER. „Beim Wort nehmen“

Innsbruck (OTS) – Noch muss Tirol nicht nur auf eine Untersuchungskommission warten, welche das Corona-Krisenmanagement des Landes aufarbeiten soll, sondern auch auf ein Fehlereingeständnis von Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg.

Letztlich schaffte es der SPÖ-Antrag zur Einsetzung einer Untersuchungskommission – wie erwartet – nicht einmal auf die Tagesordnung des gestrigen Sonder-Landtages zur Corona-Krise. ÖVP, Grüne, NEOS und FPÖ verweigerten ihm die Dringlichkeit. Einerseits, weil man den Zeitpunkt noch nicht für gekommen sieht, andererseits, weil die Oppositionskollegen SP-Landeschef Georg Dornauer vorwerfen, mit seinem Solo Vereinbarungen gebrochen und nur das eigene politische Kalkül im Auge zu haben. Fakt ist aber auch: Alle bekennen sich prinzipiell zur Aufklärung offenkundiger Mängel im Krisenmanagement – vom Tiroler Ausgangspunkt der Viruskette in Ischgl bis hin zu besagtem Info-Schreiben der Landessanitätsdirektion, welches noch am 16. März das Übertragungsrisiko von Mensch zu Mensch als gering einstufte. Damit steht man der Bevölkerung fest im Wort. Deshalb muss diesem Versprechen – losgelöst vom Parteiengezänk – baldigst auch die Tat folgen.
Noch immer sterben in Tirol täglich Menschen am Virus. Die künstliche Beatmung weiter Teile der Wirtschaft mit Millionenspritzen ist gerade erst angelaufen. Tausende Arbeitslose stehen in einem der wohlhabendsten Länder plötzlich vor den Scherben ihrer Existenz. Der Landtag hat gestern die ersten 100 Millionen des versprochenen 400-Mio.-€-Pakets freigegeben. Geld, das Kleinunternehmen, Familien, Gesundheitspersonal, Covid-19-Erkrankten und vielen mehr zugutekommt. Es zeugt daher von einer guten Portion politischer Fehlsichtigkeit, wenn den gewählten Mandataren ob der Sitzungseinberufung mitten in der Krise „Profilierungssucht“ und dem Landtag selbst die Produktion von „viel heißer Luft“ vorgeworfen wird, wie jüngst vom kleinformatigen Wiener Boulevardblatt.
Ja, Tirol steckt immer noch tief in der Corona-Krise. So wie nahezu die gesamte Welt. Deren Ende abzuwarten, wird zu lange dauern, um in Tirol Tacheles zu reden. Regierung wie Opposition wären also gut beraten, neben neuen Millionenhilfen bereits in der kommenden Sitzung im Mai die Untersuchungskommission startklar zu machen. Auch dieses Signal braucht ein Tirol, das nicht nur touristisch nach einer „Wiedergeburt“ dürstet. Wiewohl zu Recht zu hinterfragen ist, ob das Mantra „Zurück zu alter Stärke“ speziell in diesem Sektor noch zeitgemäß ist.
Der Aufklärung muss aber auch eines vorangehen: die Einsicht bei allen, dass Fehler passiert sind. Die ist Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg immer noch schuldig.

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