Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 6. Juni 2020. Von CHRISTIAN JENTSCH. „Trump und die Ausweitung der Kampfzone“.

Innsbruck (OTS) – Im Würgegriff des Rassismus entlädt sich in den USA Wut, eine Protestwelle wogt über das Land. Doch im Weißen Haus sitzt ein Präsident, der polarisiert und nicht eint. Er spaltet nach innen und außen und hinterlässt eine gefährliche Welt.

Der gewaltsame Tod des 46-jährigen Afroamerikaners George Floyd bei einem brutalen Polizeieinsatz am 25. Mai in Minneapolis – ein weißer Polizeibeamter drückte sein Knie fast neun Minuten lang in den Nacken des am Boden liegenden Floyd und das, obwohl dieser den Polizisten mehrfach anflehte, ihn wieder atmen zu lassen – hat das Fass zum Überlaufen gebracht. Seit Tagen hält eine Protestwelle gegen Rassismus und Polizeigewalt die USA und mittlerweile auch die ganze Welt in Atem. Auch wenn die Bürgerrechtsbewegung der Sechzigerjahre unter ihrem charismatischen Anführer Martin Luther King mit dem Civil Rights Act das Ende der Rassentrennung in den USA erreichen konnte, befinden sich die Vereinigten Staaten weiterhin im Würgegriff des Rassismus. Die strukturelle Gewalt gegen Afroamerikaner ist noch längst nicht Geschichte, gerade bei den Sicherheitskräften und auch bei der Justiz. Und selbst ein Präsident namens Barack Obama konnte daran wenig ändern.
Die Last des Rassismus erschüttert die Grundfesten der Vereinigten Staaten. Und anders als seine Vorgänger, die bei rassistischen Vorfällen zumindest rhetorisch die Wogen zu glätten versuchten, gießt Präsident Donald Trump mit seinen Drohungen, das Militär zur Beendigung der Proteste einzusetzen, noch weiter Öl ins Feuer. Trump setzt nicht auf Beruhigung, auf Ausgleich, auf die Mitte. Nein, er schielt im Vorfeld der Präsidentenwahlen im November mit seiner aggressiven Rhetorik ganz und gar auf seine Wählerschichten, er will seine Basis mobilisieren. Trump eint nicht, er spaltet. Und das in einer Zeit, in der die USA als Folge der Corona-Pandemie und des schlechten Krisenmanagements in eine tiefe Wirtschaftskrise zu schlittern drohen.
Trumps Auftritte sind alles andere als staatsmännisch, noch dazu als Präsident einer Weltmacht, die freilich gerade damit beschäftigt ist, ihre globale Führungsrolle aufzugeben und die von ihr errichteten Säulen der etablierten westlich-liberalen Weltordnung zu zertrümmern. Das große Ganze scheint dem aktuellen Herrn im Weißen Haus, welcher den Herausforderungen des Amtes alles andere als gewachsen zu sein scheint, nicht weiter zu interessieren. Er polarisiert lieber, sowohl im eigenen Land als auch auf globaler Ebene, wo er den Multilateralismus mit einem Federstrich – sei es beim Klimaschutzabkommen oder bei den Abrüstungsverträgen – zu Grabe trägt. Übrig bleibt eine gefährliche Welt, in der ein Funken einen neuen Krieg zu entzünden droht. Es steht die Ausweitung der Kampfzone bevor.

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