Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 8. Oktober 2020. Von ALOIS VAHRNER. „Geplante EU-Ampel hilft Tirol nicht“.

Innsbruck (OTS) – Angesichts des sich immer stärker aufbauenden Chaos um Reisewarnungen sind die EU und die Mitglieder nun offenbar doch aufgewacht. Einheitliche Regeln sind aber noch fern. Und Tirol bliebe so noch immer Risikogebiet.

Beim jüngsten EU-Gipfel sollte zunächst über verschiedenste Krisen geredet werden, vom Klima über die Türkei und Weißrussland bis zum Brexit. Das überall tief ins persönliche Leben, die sozialen Netze und die Wirtschaft eingreifende Corona-Thema wäre zunächst ausgespart worden. So, als ob es möglich gewesen wäre, nach der Bewältigung der ersten Welle und dem Beschluss des 650-Milliarden-Wiederaufbaufonds so etwas wie „Normalität“ vorzugaukeln.
Im Frühjahr wurden Europa und seine Freiheiten ausgehebelt. Die Grenzen wurden geschlossen, jeder kämpfte auf eigene Faust. Jetzt zeigt die Infektionskurve wieder seit Wochen überall nach oben, in manchen Ländern wie Tschechien oder auch Frankreich sogar dramatisch. Das neue Mittel heißt seither Reisewarnungen, die ohne jegliche Abstimmung bzw. gleiche Regeln kreuz und quer gegen andere Länder und Regionen verhängt werden. Langsam warnt scheinbar jeder vor dem anderen. In Österreich sind vor allem Tirol, Wien und Vorarlberg auf roten Listen zu finden, gerade auch in Deutschland und Holland. Tiroler etwa können problemlos nach Italien reisen und Italiener in Tirol urlauben, für Deutschland gilt indes beides nicht.
Bevor alles im Chaos endet, machen jetzt die EU-Staaten auf dem Weg zu einheitlicheren Reisebestimmungen offenbar Fortschritte. Eine EU-Corona-Ampel in den Farben Grün, Orange und Rot soll kommen. Aber von wegen Einheitlichkeit: Entschieden werden soll weiterhin in jedem einzelnen Land. Auf Rot stünde die Ampel nach derzeitigem Verhandlungsstand bei über 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen 14 Tagen (14-Tage-Inzidenz) sowie einer Rate positiver Tests vom über 4 Prozent – oder wenn die Inzidenz höher als 150 ist. Tirol liegt derzeit sowohl knapp über 150 wie auch über den 4 Prozent positiven Tests, wäre also im roten Bereich.
Tirol ist zu Recht alarmiert. Wenn die Wintersaison nicht stattfinden kann, hätte dies massive wirtschaftliche Folgen. Daher müssen die Infektionszahlen mit Nachdruck heruntergebracht werden. Und auch über Zahlen sollte Europa dringend reden, zumal es auch andere wichtige Indikatoren wie das Gesundheitssystem, das Alter der Infizierten usw. gibt. Österreichs Kanzler Sebastian Kurz, der Deutschland heuer bei den EU-Corona-Hilfen und dann in der Moria-Frage zweimal in die Parade gefahren ist, hat hier ebenso keine leichte­n Verhandlungen vor sich wie Tirol bei Bayer­n, das uns den Umgang mit Corona im Winter ebenso übel nimmt wie diverse Verkehrsbeschränkungen.

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