Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 30. Oktober 2020. Von MICHAEL SPRENGER. „Der Druck der zweiten Welle“.

Innsbruck (OTS) – Österreich steht vor einem zweiten Lockdown. Hat die Regierung die richtigen Lehren aus dem Frühjahr gezogen? Die Bevölkerung übernimmt die Rolle des Wellenbrechers. Aber nur dann, wenn die Maßnahmen nachvollziehbar sind.

Dass wir uns hier und jetzt nicht mit Verschwörungstheoretikern beschäftigen wollen, sollte ob der rasant steigenden Infektionszahlen selbsterklärend sein. Das Licht am Ende des Tunnels ist jedenfalls weit und breit (noch) nicht sichtbar. Ob es Ende August Bundeskanzler Sebastian Kurz erkennen oder sehen wollte, sei dahingestellt. Es nützt uns auch wenig, jetzt festzustellen, dass sich Gesundheitsminister Rudolf Anschober geirrt hat, als er uns im Frühsommer voll Optimismus erklärt hatte, dass eine zweite Welle zu verhindern sei.
Aber ganz ehrlich: Wir hätten uns gefreut, wenn die Einschätzungen von Kurz und Anschober richtig gewesen wären. Darüber zu lamentieren, dass sich Kanzler und Minister getäuscht haben, hilft uns im Nachhinein nämlich gar nichts.
Seit Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel mit sachlichem Ton am Mittwoch die Maßnahmen hin zu einem zweiten, abgemilderten Lockdown verkündet hat, war klar, dass Kurz und Co. nachziehen werden. Seit gestern werden wir darauf eingestimmt, was nächste Woche auch in Österreich Realität werden wird.
Schon ohne diese Zuspitzung war klar, dass die Arbeitslosigkeit nach dem Winter massiv ansteigen wird – soziale Verwerfungen nicht ausgeschlossen. Bei einem zweiten, wenn auch nicht so harten Lockdown, wird die Wirtschaft einen erneuten schweren Dämpfer erleiden. Auch das ist jedem klar. Harte Wochen stehen uns bevor. Trotzdem hoffen wir, dass die Regierung aus ihren Fehlern gelernt hat. Nein, sie brauchen keinen Fehler zugeben, nur nicht wiederholen. Also – lasst die Schulen und die Kindergärten offen. Eine Gesellschaft ist keine Maschine, die man einfach abschalten kann. Treibt Familien nicht wieder an den Rand eines Nervenzusammenbruchs. Erklärt nachvollziehbare Maßnahmen, wenn es sie zu verkünden gilt. Hört damit auf, am Donnerstag mitzuteilen, dass ihr am Samstag sagen werdet, was mitunter am Montag in Kraft treten soll. (Und vielleicht wieder aufgehoben werden muss, weil es nicht der Verfassung entspricht.) Bitte hört auf, euch in Pressekonferenzen zu loben, hört auf, den Kampf gegen die Pandemie als Wettbewerb zu sehen. Wir brauchen keine Angstparolen, keinen autoritären Ton. Wir brauchen keine Parteien, die glauben, auf einer zweiten Welle reiten zu müssen. Stattdessen sollen Regierung und Bevölkerung gemeinsam als Wellenbrecher auftreten. Österreich ist dazu bereit. Hoffentlich.

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