
TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: „Gebaut wird offenbar genug“, Ausgabe vom 2. Oktober 2021 von Max Strozzi.
Innsbruck (OTS) – Warum explodieren Jahr für Jahr am Tiroler Immobilienmarkt die Preise? An mangelndem Wohnbau scheint es offenbar nicht zu liegen. Zumindest die Statistik zeigt: Seit vielen Jahren wird genug Wohnraum geschaffen.
Bauen, bauen, bauen und noch mehr bauen, um irgendwann die Wohnungspreise wieder in den Griff zu bekommen. Das ist das Rezept, das im Wohnungsbau verfolgt wird und der Marktlogik folgt, dass, wenn deutlich mehr errichtet als nachgefragt wird, sich die Preise irgendwann von selbst wieder einigermaßen einrenken werden. Bisher hat das Rezept augenscheinlich nicht funktioniert. Jahr für Jahr explodieren die Wohnungspreise. Besonders am Tiroler Immobilienmarkt herrscht seit geraumer Zeit eine Turbo-Inflation, obwohl zumindest am Papier seit vielen Jahren deutlich mehr gebaut wird, als es der reine Wohnbedarf vermuten lässt.
Den Zahlen der Statistik Austria kann man jedenfalls Folgendes entnehmen: Zumindest in den vergangenen zehn Jahren wurden in Tirol im Schnitt jedes Jahr etwa 6000 neue Wohnungen fertiggestellt, wobei jährlich rund 1000 alte Wohnungen aus dem Markt wieder rausfielen – ein Saldo von durchschnittlich rund 5000 im Jahr. Gleichzeitig wuchs Tirol jedes Jahr um etwa 3000 neue Haushalte – also Hauptwohnsitze – an. Hinzukommen dürften jährlich einige hundert – legale – Zweitwohnsitze, wie sich aus Entwicklungen in der Vergangenheit ableiten lässt.
Gemessen an der Bevölkerungszahl hat Tirol auch eine der höchsten Wohnbauraten Österreichs. 2019 wurden 9,2 Wohnungen pro 1000 Einwohner gebaut. Nur in Vorarlberg (11,4) und Oberösterreich (9,4) waren es mehr. Schon den Österreich-Schnitt von 8,8 Wohnungen je Einwohner bezeichnete die Statistik Austria als ein „sehr hohes Ergebnis“.
Und seit 2017 haben alleine die gemeinnützigen und privaten Bauträger in Tirol mit ihren größeren Bauprojekten mehr Wohnungen fertiggestellt, als in Tirol neue Haushalte entstanden.
Was lässt sich aus diesen ganzen Zahlen schlussfolgern? Zumindest sieht es nicht danach aus, als würde in Tirol zu wenig gebaut. Wenn also landauf, landab über knappen Wohnraum geklagt wird, muss man sich angesichts der offenbar seit vielen Jahren äußerst regen Bautätigkeit fragen, woran das liegen kann. Wird mitunter an der falschen Stelle gebaut? Wird für den einheimischen Wohnbedarf gebaut – was private Bauträger immer wieder ausdrücklich betonen? Wird für Anleger gebaut, die angesichts der Mini-Zinsen ihr Geld in Betongold horten? Wird vielleicht der Altbestand nicht ausreichend für den heimischen Wohnbedarf mobilisiert?
Bauen, bauen und noch mehr bauen hat bisher jedenfalls nicht die jährlichen Preisexplosionen am Wohnungsmarkt verhindern können und eine Entspannung zeichnet sich nicht ab. Die Notenbank findet die Entwicklung schon „auffällig“ und spricht von „Überhitzung“. Etwas ist faul auf dem heimischen Immobilienmarkt.
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