
Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 8. November 2021. Von WOLFGANG SABLATNIG. „Kalkül mit der Verunsicherung“.
Innsbruck (OTS) – Viele Menschen sind in der Pandemie ratlos. Die FPÖ spielt mit diesen Ängsten der Menschen. Sie greift Politiker und Mediziner an und treibt damit jenen Keil in die Gesellschaft, dessen Existenz sie nachher beklagt.
Die Corona-Politik ist in der Sackgasse. Appelle und Aufrufe zur Impfung verhallten ohne Wirkung. Erst der Druck der schärferen Regeln scheint viele zu motivieren, sich immunisieren zu lassen. Zuletzt haben sich so viele Menschen einen Erststich geholt wie seit Anfang August nicht mehr. Kanzler Alexander Schallenberg (ÖVP) hat eingestanden, dass es darum geht, den Ungeimpften das Leben ungemütlich zu machen. Eine „Impfpflicht light“: Niemand muss. Aber wer sich weigert, ist von vielen Bereichen ausgeschlossen.
In die Sackgasse haben viele Wege geführt. Einer dieser Wege startet dort, wo der damalige Bundeskanzler Sebastian Kurz und die ÖVP die Pandemie für beendet erklärten. Das Zurück in die Mühen von Corona fällt schwer.
Ein anderer Weg beginnt dort, wo es schwer ist, den Überblick über die Regeln und Empfehlungen zu behalten. Vorige Woche wurde es dann sogar den Landeshauptleuten zu viel. Sie forderten ein Ende des „Fleckerlteppichs“.
Bei der Impfung geben die Länder aber noch immer den Ton an. Eher harmlos und eine Geschmacksfrage ist die Impflotterie.
Weniger harmlos ist es dort, wo es um Nebenwirkungen und damit um Ängste geht. Für Kinder gibt es noch keinen zugelassenen Impfstoff. Das hindert die Stadt Wien aber nicht daran, ein Angebot für „Off label“-Impfungen aufzubauen.
Was gilt jetzt? Wem sollen die Menschen trauen? Gibt es genug Daten oder nicht?
An diesem Punkt startet die blaue Überholspur in die Sackgasse. Herbert Kickl und die FPÖ greifen die Verunsicherung auf. Sie bemühen sich aber nicht um Aufklärung, sondern spielen mit der Angst und treiben genau jenen Keil in die Gesellschaft, dessen Existenz sie nachher beklagen.
Am Beginn steht auch bei den Blauen vorgebliche Sachlichkeit. Am Ende steht aber Kickl, der von „Impf-Vergewaltigung“, „Lüge“ und „Treibjagd“ spricht. Aus der Ratlosigkeit und mancherorts Selbstgefälligkeit der Regierenden wird bei ihm Vorsatz zur Schädigung der Menschen.
Der FPÖ-Chef spricht ihnen damit den guten Willen ab. Und wenn er neue Wege der Corona-Therapie einfordert, die doch so einfach seien, greift er auch noch die Ärzte an: Er unterstellt der überwiegenden Mehrheit der Mediziner, wider besseres Wissen nicht zum Wohl ihrer Patienten zu wirken.
Ist es naiv, Regierenden und Fachleuten ein gewisses Grundvertrauen entgegenzubringen? Mag sein. Das
zynische Kalkül mit der Verunsicherung versperrt aber endgültig den Weg aus der Sackgasse.
Tiroler Tageszeitung
0512 5354 5101
chefredaktion@tt.com
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS. www.ots.at
© Copyright APA-OTS Originaltext-Service GmbH und der jeweilige Aussender