TIROLER TAGESZEITUNG“Leitartikel“ vom 17. November 2021 von Peter Nindler „Mit Tabus in der vierten Welle“

Innsbruck (OTS) – Die Politik schwindelt sich seit Monaten um eine Impfpflicht herum, selbst im Gesundheits- und Bildungsbereich mit vielen sensiblen Kontakten. Und wer gegen Beschränkungen für Geimpfte ist, dem wird Ignoranz gegenüber Experten vorgeworfen.

Die Corona-Pandemie ist nicht teilbar: weder in eine der Ungeimpften noch in ein Szenario „geimpft, genesen oder gestorben“. So werden wir die Bewältigung der Gesundheitskrise nicht schaffen, weil politisch angelernte Reflexe und Tabus mehr denn je die vierte Welle prägen. „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“, steht auf der Grabplatte der Kärntner Schriftstellerin Ingeborg Bachmann. In Wahrheit sagt Bundeskanzler Alexander Schallenberg (ÖVP) derzeit das, was sich viele Geimpfte denken: Warum soll es wieder Einschränkungen für uns geben?
Ohne Tausender oder Lotterie haben sie sich in den vergangenen Monaten impfen lassen, doch offenbar wird inmitten der vierten Corona-Welle öffentlich mehr über monetäre Impfanreize geredet als über Tabus. Wobei der von Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Grüne) ventilierte harte Lockdown derzeit wohl die einfachste Antwort auf die herausfordernden Infektionszahlen wäre. Weil von Experten gestützt. Darf man dagegen sein, darf man wie Schallenberg gegen das öffentliche Herbeisehnen eines vierten Lockdowns sein? Ja, man darf, indem endlich Tabus offen angesprochen werden.
Eine generelle Pflicht zur Impfung, die wissenschaftlich untermauert überwiegend vor schweren Corona-Erkrankungen schützt, ist längst überfällig, auch wenn sie die vierte Welle nicht mehr brechen wird. Wer sich den Luxus von Fernreisen leistet, lässt sich schließlich auch gegen Tropenkrankheiten impfen. Darunter befinden sich sicher viele Corona-Impfgegner. Aber selbst um eine Impfpflicht für Berufsgruppen in einem besonders sensiblen Umfeld wie in Spitälern, Alten- und Pflegeheimen bzw. in Bereichen, wo es viele soziale Kontakte mit Ungeimpften gibt – vor allem in Kindergärten und Schulen –, schwindelt sich die Politik herum. Und das, obwohl die Impfquote in der Elementarpädagogik in Tirol lediglich 55 Prozent beträgt. Wenn das Kindergarten- und Schulsystem am Anschlag ist, kann allerdings nicht die am durchgängigsten und öftesten getestete Altersgruppe dafür verantwortlich gemacht werden. Poppen augenblicklich strukturelle Defizite auf, die vor der Pandemie offenbar zugedeckt wurden? Dazu kommt noch eine nach wie vor lückenhafte Kinderbetreuung, die politisch gerne tabuisiert wird. Wer dann – jetzt wirklich sorry, liebe Geimpfte – noch die Nachtgastronomie in Frage stellt, wohl wissend, dass dort ein großes Infektionsspotenzial steckt, der wird trotz der gelinderen Einschränkungen wohl endgültig mit nassen Fetzen bedacht. Letztlich dürfte die Wahrheit wie so oft in der Pandemie wieder einmal bitter sein: Wird mit Tabus nicht endlich gebrochen, bleiben alle, auch die Schüler, mit einem harten Lockdown auf der Strecke.

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