TIROLER TAGESZEITUNG „Leitartikel“ vom 20. November 2021 von Mario Zenhäusern „Ohne Alternative“

Innsbruck (OTS) – Nicht die Entscheidung, Österreich neuerlich in einen Lockdown zu schicken, macht fassungslos, sondern dass es ver­absäumt wurde, rechtzeitig gegenzusteuern. Das kollektive Versagen ließ zum Schluss keine andere Entscheidung zu.

Also doch. Bundesregierung und Landeshauptleute schicken Österreich erneut in einen Lockdown. Drei Wochen lang soll der dauern, danach dürfen Geimpfte wieder zurück in eine Normalität, die schon längst nicht mehr normal ist.
Nicht die Entscheidung selbst macht viele fassungslos, sondern die Tatsache, dass es sträflich verabsäumt wurde, rechtzeitig gegenzusteuern und dafür zu sorgen, dass eine derart drastische Maßnahme gar nicht notwendig wird. Die Situation hat sich ja nicht von heute auf morgen verschärft, sondern zeichnete sich im Gegenteil seit Langem ab. Experten aus allen Bereichen warnten vor der rasant steigenden Zahl an Neuinfektionen – nicht nur Salzburg und Ober­österreich, auch die meisten anderen Bundesländer taumeln seit Tagen von einem Rekordwert zum nächsten – und forderten die Regierung zum Handeln auf. Doch statt die Alarmrufe ernst zu nehmen und der drohenden Eskalation entgegenzuwirken, haben die Regierungen auf allen Ebenen – einzige Ausnahme ist Wien – verzögert, beschwichtigt und verharmlost. Wie ein Mantra wiederholte etwa Bundeskanzler Alexander Schallenberg den Satz „Es wird keinen Lockdown für Geimpfte und Genesene mehr geben“. Dass es nun doch dazu kommt, ist Ausdruck der Hilf­losigkeit aller Verantwortlichen. Sie haben so lange zugewartet, bis der Lockdown zum letzten Ausweg wurde.
Gerade in Krisenzeiten wäre Führungs­stärke gefragt, also zeitgerechte Entscheidungen und deren konsequente Umsetzung nach vorhergehender umfassender Information. Davon war im zu Ende gehenden Jahr wenig bis nichts zu spüren. Im Gegenteil, statt sich auf die vierte Corona-Welle vorzubereiten, die Test- bzw. Impfstrategien zu optimieren und für eine ordentliche Kommunikation zu sorgen, herrschte blankes Chaos. Es wurden dieselben Fehler wie im Vorjahr gemacht. Wieder wurde die Verantwortung zwischen Bund und Ländern hin- und hergeschoben. Und wieder zeigte sich, dass Föderalismus und Pandemiebekämpfung nicht zusammenpassen. Wenn jedes Bundesland sein eigenes Süppchen kocht, ist die Gefahr groß, dass am Ende – so wie jetzt – alle draufzahlen.
Die Corona-Pandemie spaltet die Gesellschaft seit eindreiviertel Jahren. Impfbefürworter und -gegner stehen sich unversöhnlicher denn je gegenüber. Die nun beschlossene allgemeine Impfpflicht wird die Gräben weiter vertiefen. Trotzdem ist sie ebenso wie der neuerliche Lockdown ohne Alternative. Ein Blick in die Intensivstationen reicht aus, um das zu belegen. Denn dort liegen nach wie vor hauptsächlich Ungeimpfte.

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