Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 22. November 2021. Von GABRIELE STARCK. „Österreich hat das Tabu gebrochen“.

Innsbruck (OTS) – Da es an einer Alternative zur Covid-19-Impfung fehlt, werden etliche Länder mit hoher Impfskepsis dem Beispiel Österreichs folgen. Über eine allgemeine Impfpflicht wird seit Freitag in vielen Nachbarländern diskutiert.

Österreich ist weder Diktatur noch Insel. Soll heißen: Die Impfpflicht ist angesichts der hohen Zahl an Verweigerern hierzulande der einzige Weg, um den Tod vieler Menschen, psychische Probleme bei den Jungen, die Überlastung des Gesundheitssystems sowie weitere Milliardenverluste samt daraus resultierenden existenziellen Nöten zu verhindern. Kurz: Die Impfung verhindert Leid. Und daher wird Österreich nicht das einzige Land bleiben, das zur längst überfälligen Zwangsmaßnahme Impfpflicht greift.
Denn ein Blick über die Grenzen hinaus zeigt, dass die Politik in Österreichs Nachbarländern bzw. -regionen ebenfalls gegen eine große Impf­skepsis und zugleich hohe Infektionszahlen kämpft – das vor allem direkt hinter Tirols und Vorarlbergs Grenzen in Bayern, Südtirol, Liechtenstein und der Ostschweiz. Dementsprechend wird rund um Österreich das öffentliche Leben wieder strikt eingeschränkt. Immer mehr deutsche Bundesländer folgen Österreichs 2-G-Regel für Gaststätten und Freizeiteinrichtungen. Die 3-G-Regel am Arbeitsplatz gilt bundesweit. Und über die bayerischen Corona-Hotspots mit einer Inzidenz von mehr als 1000 wurde ein Lockdown verhängt. Andere Regionen folgen. Das Drama vom Vorjahr wiederholt sich.
So überrascht es nicht, dass mit der österreichischen Covid-19-Impfpflicht die Dämme anderswo zu brechen beginnen. Das Tabu ist dank Österreich keines mehr.
Italien diskutiert seit Freitag darüber. Industrie und Sozialdemokraten sind dafür. Und in Bayern haben sich selbst die Freie­n Wähler in Bayern, deren Chef Huber­t Aiwange­r bis vor Kurzem als einer der bekanntesten Impfskeptiker Deutschlands galt, am Wochenende für eine allgemeine Impfpflicht ausgesprochen. Offen zeigen sich u. a. auch Bayerns Ministerpräsident Marku­s Söder (CSU) und seine Kollegen Daniel Günther (CDU) in Schleswig-Holstein. Die Mehrheit der Deutschen haben sie bereits hinter sich. 52 Prozent sprachen sich in einer Insa-Umfrage für Bild am Sonntag für eine allgemeine Impfpflicht aus, dagegen 41 Prozent. Und doch wird es in Deutschland sogar länger dauern als in Österreich, bis politische Einigkeit hergestellt ist. Hier erschweren nicht nur die Angst vor dem Wähler und der Föderalismus notwendige Beschlüsse, sondern momentan zudem ein Machtvakuum zwischen alter und wahrscheinlicher neuer Bundesregierung.
Doch letztlich werden alle Länder mit hoher Impfskepsis einsehen müssen, dass es an einer Alternative zur Impfung fehlt, um Land und Leute von den jährlich wiederkehrenden Corona-Zumutungen zu befreien.

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