
TIROLER TAGESZEITUNG „Leitartikel“ Donnerstag, 9. Dezember 2021, von Wolfgang Sablatnig: „Ohne Illusionen durch die vierte Welle“
Innsbruck, Wien (OTS) – Der Lockdown endet am Samstag. Die Logik des unterschiedlichen Tempos bei den Öffnungen erschließt sich aber nicht. Und je näher die Impfpflicht kommt, desto tiefer werden die politischen Gräben.
Kurz stand über diesem Leitartikel schon der Titel „Ohne Illusionen aus der vierten Welle“. Dann wurde das aus doch zu einem durch. Es fängt die Stimmung besser ein, die Bundesregierung und Landeshauptleute gestern verbreiteten: Wir sperren auf, weil wir es versprochen haben (zumindest für Geimpfte). Wir sperren auf, weil wir glauben, dass wir es momentan vertreten können. Aber vorbei ist die Pandemie noch lange nicht. Dazu passt die Absage des Wiener Opernballs. Corona-Frust statt Walzer-Lust. Schon wieder. Noch immer. Durch die vierte Welle also. Die Infektionszahlen sinken derzeit so rasch, wie sie im November gestiegen sind. Für schöne Versprechen ist dennoch kein Platz – auch wenn wir uns so gern der Illusion eines baldigen Endes der Pandemie hingeben würden. Omikron ist ein Unsicherheitsfaktor.
Neo-Kanzler Karl Nehammer verkündete das Ende des Lockdowns gestern nach einem Treffen mit den Landeshauptleuten. Gemeinsam beteuerten sie, dass sie sehr gute Gespräche geführt hätten. Und Nehammer versprach ein weiteres Mal den „Dialog“, so wie er es in den Tagen seit seiner Kür täglich gemacht hat. Nicht versprochen hat er ein Ende der Pandemie. Da hat er von den Fehlern seiner Vorgänger gelernt.
Auch die politischen Gräben bleiben. Die Logik der Öffnungen erschließt sich nur schwer. Ausgerechnet in Wien, dem Bundesland mit den niedrigsten Corona-Zahlen, sperren Gastronomie und Hotellerie als Letzte auf. Und weil die Länder schärfere Regeln erlassen können als der Bund, gibt es über ganz Österreich hinweg binnen einer Woche gleich drei Termine für das Aufsperren. Die Ankündigungen eines einheitlichen Vorgehens blieben Illusion.
Erst recht werden uns die gesellschaftlichen Gräben noch lange beschäftigen. Ein Zwischenton bei Nehammer ließ hellhörig werden: Bei seiner Antritts-Dialog-Tour hat er dieser Tage auch mit den Oppositionschefs und -chefinnen gesprochen. Bei Pamela Rendi-Wagner (SPÖ) und Beate Meinl-Reisinger (NEOS) bedankte er sich.
Von Herbert Kickl (FPÖ) sagt er aber nur, dass er ihn getroffen hat. Dabei wird er mit dem Freiheitlichen die größten Auseinandersetzungen führen müssen. Die Impfpflicht war gestern nur in Form von Appellen zum Stich und Beteuerungen des Zugehens auf die Ungeimpften ein Thema. Spätestens wenn die Koalition ihre Pläne endgültig auf den Tisch legt, wird der Konflikt aber voll ausbrechen – mit der FPÖ und mit den Tausenden Menschen, die schon jetzt protestieren. Corona lässt keinen Raum für Illusionen.
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