TIROLER TAGESZEITUNG „Leitartikel“ Ausgabe vom Samstag, 11. Dezember 2021, von Mario Zenhäusern: „Lebensgefährlicher Kurs“

Innsbruck (OTS) – Wenn FPÖ-Chef Herbert Kickl davon schwafelt, die Spaltung der Gesellschaft zu überwinden, ist das an Absurdität nicht zu überbieten, ist er es doch, der immer wieder Öl ins Feuer gießt und die Menschen aufhetzt.

Morgen ist es also so weit. Am 12. Dezember um 0 Uhr endet in Tirol der vierte Corona-Lockdown. Handel, Gastronomie, Hotellerie und körpernahe Dienstleister wie Friseure dürfen wieder aufsperren, Sport- und Kulturveranstaltungen wieder stattfinden, Fitness-Center wieder öffnen – allerdings nur für Geimpfte und Genesene, also rund drei Viertel aller Österreicherinnen und Österreicher. Ungeimpften bleibt das alles nach wie vor verwehrt: Für sie wird der Lockdown auf unbestimmte Zeit verlängert.
Doch die damit wiedergewonnene Freiheit ist eine trügerische. Die Zahl der Neuinfektionen mit dem heimtückischen Virus ist nach wie vor hoch, und wenn mit dem Lockdown-Ende auch die Bereitschaft der Menschen sinkt, sich an die nach wie vor strengen Regeln wie 2-G-oder Maskenpflicht zu halten, ist ein neuerlicher Anstieg nicht ausgeschlossen. Erschwerend hinzu kommt, dass die Situation in den Krankenhäusern noch weit von einer Entwarnung entfernt ist. Im Gegenteil: Die Intensivstationen sind nach wie vor zum Bersten voll, jede weitere Verschärfung der Situation droht das Fass zum Überlaufen zu bringen. Und als ob das alles nicht genug wäre, ist da ja auch noch Omikron, die neue Virus-Variante, von der eigentlich niemand so recht weiß, ob sie nun gefährlicher und ansteckender ist als alle bisherigen Varianten.
Die Politik ist also ein großes Risiko eingegangen, als sie trotz dieser suboptimalen Ausgangssituation an den Öffnungen festhielt, die der damalige Bundeskanzler Alexander Schallenberg gemeinsam mit Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein und Landeshauptmann Günther Platter vor drei Wochen am Achensee versprochen haben. Die Einlösung dieses Versprechens erfordert Mut – und Zuversicht in die Bereitschaft der Bevölkerung, die nach wie vor geltenden Auflagen nicht nur zur Kenntnis zu nehmen, sondern auch einzuhalten.
Die Gräben zwischen Geimpften und Ungeimpften wird die ab morgen geltende Regelung allerdings zusätzlich vertiefen. Wenn dann ausgerechnet FPÖ-Obmann Herbert Kickl dazu aufruft, diese Spaltung der Gesellschaft zu überwinden, dann ist das an Absurdität nicht mehr zu überbieten. Schließlich sind es Kickl, Belakowitsch und Konsorten, die seit Monaten hetzen und mit gezielten Halb- und Unwahrheiten den Boden aufbereiten für Corona-Leugner und Impfgegner, nur um daraus politisches Kapital schlagen zu können. Dieser Kurs ist vollkommen verantwortungslos und lebensgefährlich im Wortsinn, weil er im Ernstfall tatsächlich Leben gefährdet.

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