
TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: „Autokraten, Geopolitik und Heuchelei“, Ausgabe vom 10. Januar 2022 von Christian Jentsch.
Innsbruck (OTS) – In Kasachstan wurden die Aufstände blutig niedergeschlagen. Russland baut im geostrategischen Schachspiel auf die Autokraten der zentralasiatischen Ex-Sowjetrepubliken. Mit Autokraten legt sich aber auch der Westen ins Bett.
Nach dem Zerfall der Sowjetunion erklärte sich Kasachstan im Dezember 1991 für unabhängig. Und der Sowjet-Parteichef Nursultan Nasarbajew riss sich salopp gesagt das Land unter den Nagel. Der Autokrat regierte das neuntgrößte Land der Erde mit seinen immensen Rohstoffvorkommen an der Schnittstelle zwischen Asien und Europa mit harter Hand und erklärte sich kurzerhand zum „Führer der Nation“ – begleitet von einem skurrilen Personenkult. Die reichlich sprudelnden Einnahmen aus dem Export von Erdöl und Erdgas – auch Österreich bezog im Vorjahr den Großteil seiner Rohölimporte aus Kasachstan – sowie die reichen Uranvorkommen sorgten für Wohlstand. Weniger bei der breiten Bevölkerung, dafür umso mehr bei Nasarbajew, seiner Familie und seinen engsten Verbündeten. Auch nach seinem Rücktritt als Präsident 2019 blieb Nasarbajew der starke Mann des Landes, sein weitverzweigter Machtapparat blieb intakt.
Nach einer deutlichen Erhöhung der Gaspreise brachen vor einer Woche im ganzen Land Proteste aus, die sich rasch gegen die politische Führung richteten und auch in Gewalt umschlugen. Präsident Kassym-Schomart Tokajew, Nachfolger und politischer Ziehsohn Nasarbajews, reagierte mit äußerster Gewalt. Er befahl den Sicherheitskräften, auf Demonstranten zu schießen, er nützte die Krise, um seine Macht zu stärken, und er rief ein von Russland geführtes Militärbündnis zu Hilfe. Und Moskau schickte innerhalb kürzester Zeit Elitesoldaten in sein südliches Nachbarland. Wobei die Soldaten laut Beobachtern wohl gekommen sind, um zu bleiben. Kasachstan ist für Russland geostrategisch extrem bedeutend. In Kasachstan befindet sich der russische Weltraumbahnhof Baikonur, ein Fünftel der Bevölkerung Kasachstans sind ethnische Russen und das riesige Land verfügt über gewaltige Öl-, Gas- und Uranvorkommen. Russland sieht Kasachstan wie die übrigen zentralasiatischen Ex-Sowjetrepubliken als seinen Hinterhof. Diese bilden für Moskau einen Puffer zu den Islamisten am Hindukusch, aber auch zum immer mächtiger werdenden China. Moskau setzt also im geostrategischen Schachspiel auf die zentralasiatischen Autokraten. Und zeigt gerade in Kasachstan mit der Entsendung von Soldaten Stärke – wohl auch im Hinblick auf die Ukraine-Krise und die anstehenden Verhandlungen. Doch nicht nur Russland setzt auf Autokraten. Auch der Westen hofiert Despoten, um einträgliche Geschäfte zu machen oder sich die Flüchtlinge vom Leib zu halten, wie etwa das Beispiel Ägyptens zeigt, das die einstigen Revolutionäre des Arabischen Frühlings in seinen Kerkern verrotten lässt. Da mutiert die so genannte wertebasierte Außenpolitik ganz schnell zur Heuchelei.
Tiroler Tageszeitung
0512 5354 5101
chefredaktion@tt.com
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS. www.ots.at
© Copyright APA-OTS Originaltext-Service GmbH und der jeweilige Aussender