Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 13. Jänner 2022. Von MANFRED MITTERWACHAUER. „Der Weg zurück wird kein leichter“.

Innsbruck (OTS) – Mit seiner Ansage, dem heurigen Matura-Jahrgang die mündliche Prüfung nicht zu ersparen, ist Bildungsminister Martin Polaschek erstmals angeeckt. Dabei ist das nur die logische Konsequenz aus dem Festhalten an offenen Schulen.

Viel zu lange war der Schulbereich nach Ausbruch der Corona-Pandemie lediglich politische Verschubmasse. Mal offen, öfter jedoch zu. Während für Unternehmen milliardenschwere Hilfspakete geschnürt wurden, mussten sich Eltern wie Schülerinnen und Schüler über Monate mit notdürftig zusammengeflickten Lernpaketen über den „Distanz-Unterricht“ hinwegretten. Das Funktionieren eines tatsächlichen Online-Unterrichts war in Folge nur allzu oft vom individuellen Engagement der betreffenden Lehrperson abhängig. Aber auch von einer bis dahin völlig unvorbereiteten Schul-Infrastruktur. Dort, wo aber Klassentüren zugingen, gingen Bildungslücken auf. Solche, die noch immer nicht geschlossen sind. Vom Taferlklassler bis zum Maturanten. Zu Recht gingen auch Schüler einst für offene Schulen auf die Straße. Nun, da die Pandemie unverändert anhält, das Bildungswesen aber im laufenden Schuljahr noch keinem Dauer-Lockdown ausgesetzt war, kündigt Neo-Bildungsminister Martin Polaschek die (weitgehende) Rückkehr zum Matura-Alltag an. Mündliche Prüfung inklusive. Polaschek ist auf dem richtigen Weg. Sofern das Schulwesen nicht auf das nötige Fingerspitzengefühl vergisst.
Den Stempel „Corona-Matura“ braucht kein Absolvent. Dennoch haben die Abiturienten der Jahre 2020 und 2021 selbigen picken. Weil eben an deren Matura nichts „normal“ war. Ihre Leistung haben sie dennoch erbracht. Vielleicht mehr als normal. Maturanten lernen auch ohne Pandemie im monatelangen Ausnahmezustand.
Dass die Schülervertretungen jetzt aufschreien, ist verständlich. 2021 sind allein in Tirol von 3402 Maturanten lediglich 149 freiwillig zur mündlichen Matura angetreten. Die Rückkehr zur Pflicht ist letztlich aber nur die logische Konsequenz aus dem (bundes- wie landespolitischen) Willen zur Rückkehr in den gewohnten Schullalltag. Polaschek hat den Kampf um offene Schulen nahtlos von Vorgänger Heinz Faßmann übernommen. Das ist gut so. Polascheks Matura-Erlass ist dennoch nicht frei von Matura-Erleichterungen. Unter anderem sind Matura-Inhalte dem tatsächlich durchgenommenen Lernstoff anzupassen und wenn nötig zu reduzieren. Da darf es keine Willkür geben – das muss für Maturanten berechenbar bleiben. Und: Treibt Omikron die Schulen doch wieder in eine flächendeckende Schließ-Welle, gehört die Matura-Lage neu überdacht.
Auch aus Lehrersicht ist die Rückkehr zur Matura-Normalität kein Übel. Das System fußt einfach auf der Kombi aus schriftlicher und mündlicher Leistung. Fällt ein Teil weg, kann die Beurteilung nur einseitig sein.

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