
Leitartikel „Olympia und der Kampf der Systeme“ vom 6. Februar 2022 von Christian Jentsch
Innsbruck (OTS) – Mit den Winterspielen in Peking demonstriert die aufstrebende Weltmacht China ihre Stärke. Der Westen ist plötzlich empört.
Der US-Politologe Francis Fukuyama prophezeite 1989 das Ende der Geschichte. Nach dem Zerfall der Sowjetunion sei der globale Siegeszug der liberalen westlichen Demokratie nicht mehr zu stoppen, der Konflikt der Systeme somit aufgelöst, argumentierte er vor über drei Jahrzehnten. Heute ist von dieser Prophezeiung – getragen auch von westlicher Arroganz – nichts mehr übrig. Am Freitag wurden in Peking die XXIV. Olympischen Winterspiele eröffnet. Und anders als bei den Sommerspielen von 2008 in Peking ist China heute aus Sicht des Westens weniger das wirtschaftliche Schlaraffenland, das neue Absatzmärkte verspricht, sondern vielmehr der Systemkonkurrent Nummer eins – einer auf der Überholspur.
Chinas starker Mann, Staats- und Parteichef Xi Jinping, nützt die Spiele, um die Macht des aufstrebenden roten Giganten zu demonstrieren. Auch wenn US-Präsident Joe Biden die Wiedergeburt des Westens verkündete und zum geeinten Kampf gegen die Autokraten aufrief, zeigt das Fundament der westlichen Weltordnung tiefe Risse. Und China schickt sich an, die unangefochtene Führungsrolle der USA in Frage zu stellen.
China ist kein Entwicklungsland und kein Bittsteller mehr. Es ist auch nicht mehr die Werkbank westlicher Firmen, um deren Gewinnmargen zu steigern. Auch wenn diese bizarren Spiele – ein Event gespickt mit Umweltfreveln, ein Event in der Blase abseits der Menschen – dem olympischen Gedanken einen Bärendienst erweisen, sollen sie von Chinas Selbstbewusstsein zeugen. Und so nebenbei für die Wintersportindustrie einen Riesenmarkt öffnen. Die Kritik an eklatanten Menschenrechtsverletzungen in China, die ja nicht nur die Uiguren betreffen, kommt reichlich spät. Ohne den Westen wäre der rasante Aufstieg Chinas nie möglich gewesen. Unangenehmes wurde ausgeklammert. Die jetzige Empörung ist da nicht ganz glaubwürdig.
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