
TIROLER TAGESZEITUNG „Leitartikel“ Ausgabe vom 19. Juli 2022, von Alois Vahrner: „Krisen-Schocks und die Lehren“
Innsbruck (OTS) – Eine Krise jagt in diesen Jahren die nächste, nach Corona kamen Ukraine-Krieg mit massiver Teuerungswelle und großer Sorge um die Energieversorgung über den Winter. Versäumnisse der Vergangenheit werden schonungslos aufgedeckt.
Sehr viele Menschen sind auch hierzulande ob der vielen auch persönlich belastenden Krisen ermüdet und verunsichert, und das ist nur allzu verständlich. Seit fast zweieinhalb Jahren führte die Corona-Pandemie zu nie erwarteten Einschränkungen in Wirtschaft, öffentlichem Leben sowie bei privaten Freiheiten. Ganze Branchen wurden in den Lockdowns einfach zugesperrt und die abgebaut geglaubten Staatsgrenzen in Europa wieder hochgezogen. Reisen innerhalb Europas war monateweise unmöglich.
Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine herrscht Krieg wenige hundert Kilometer von der österreichischen Grenze entfernt, der mit dem Fall des Eisernen Vorhangs überwunden geglaubte Kalte Krieg ist wieder Realität. Und vieles, was über Jahrzehnte wie selbstverständlich schien, ist dies spätestens seit dem 24. Februar nicht mehr: ein friedliches Zusammenleben in Europa und eine sichere Versorgung mit Energie. Russlands Herrscher Wladimir Putin lässt keinen Zweifel daran, dass er dazu fähig und willens ist, den Gashahn nach Europa auch ganz zuzudrehen.
All diese Krisen haben die EU und auch Österreich hart getroffen. Und sie haben zweifelsohne auch politische Fehler und Schwächen der Vergangenheit aufgezeigt. Bei Corona kam nicht nur das Virus ursprünglich aus China, sondern es mussten lange auch verschiedenste medizinische Produkte bis hin zu den Schutzmasken aus China und anderen Ländern importiert werden. Selbst bei lebensnotwendigen bzw. für die Infrastruktur unverzichtbaren Gütern hat sich die EU leichtfertig abhängig von Importen gemacht. Bis heute leiden unzählige Betriebe auch an gestörten Lieferketten, die Globalisierung der Wirtschaft offenbart auch massive Schwächen. Die Erkenntnis, dass dies anders werden muss, ist überfällig.
Russlands Angriff auf die Ukraine hat den Westen zusammenrücken lassen – mehr wohl, als dies Putin recht sein kann. Die Folgen treffen aber alle bereits jetzt mit massiven Kostensteigerungen und der leider berechtigten Sorge, dass es ein Gas-Lieferstopp zu massiven Folgen für BürgerInnen und Wirtschaft führen könnte. Dass Europa sich bei Energie viel zu abhängig von Ölscheichs und bei Gas von Russland gemacht hat (Österreich sogar am meisten!), wurde oft beklagt – und dann ignoriert. Die vor allem auch für den Klimaschutz nötige Wende hin zu erneuerbarer Energie scheiterte lange an nicht wettbewerbsfähigen Preisen, überlangen Verfahren und fehlendem politischen Willen. Jetzt wird sie uns, obwohl dies nicht sein Ziel war, von Putin in brutaler Weise förmlich aufgezwungen. Das Problem jetzt: Jahrelange Versäumnisse lassen sich nicht in ein paar Monaten wettmachen.
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