TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: „Kontrahenten, die sich (noch) brauchen“, von Christian Jentsch

Ausgabe vom Donnerstag, 4. August 2022

Innsbruck (OTS) – Der Besuch der US-Spitzenpolitikerin Nancy Pelosi in Taiwan lässt die Wogen in China hochgehen. Rhetorisch fährt Peking schwere Geschütze auf. Doch die beiden Supermächte sind zwar Hauptkonkurrenten, aber auch eng verzahnt.

Der Besuch der dritthöchsten US-Regierungsvertreterin Nancy Pelosi in Taiwan lässt einen der gefährlichsten Konflikte auf unserem Planeten neu eskalieren. Auch wenn die Visite der demokratischen Vorsitzenden des US-Repräsentantenhauses in der demokratisch regierten Inselrepublik weniger als 24 Stunden dauerte, schäumte die kommunistische Führung in Peking und kündigte Vergeltungsmaßnahmen wie Militärmanöver bis in die Hoheitsgewässer Taiwans und Wirtschaftsblockaden an. Der Zorn richtet sich gegen Taiwan und gegen die USA, die nach Pekinger Lesart mit dem Besuch die Souveränität der Volksrepublik verletzt haben. Der chinesische Drache, der die Führungsmacht-Rolle der USA auf der Weltbühne zunehmend herausfordert, sieht eine Linie überschritten und speit Feuer. Peking begreift die Inselrepublik als sein eigenes Territorium und Chinas starker Mann, Staats- und Parteichef Xi Jinping, sprach im Zuge des wachsenden chinesischen Nationalismus von seiner „his­torischen Mission“, die „Vereinigung“ mit Taiwan in die Tat umzusetzen. Pelosi versicherte Taiwans Präsidentin Tsai Ing-wen auf der anderen Seite den Beistand der USA, auch im weltweiten Kampf der Demokratien gegen Diktatoren und Autokraten. Es war US-Präsident Joe Biden, der nach seinem Amtsantritt im Jänner des Vorjahres den Wettbewerb der Systeme zu seinem Mantra gemacht hat. Mit seinem Leitspruch „Amerika ist zurück“ etablierte er die USA wieder als globale Führungsmacht eines wiedererstarkten Westens. Auch und gerade in Hinblick auf die aufstrebende Weltmacht China, die als strategischer Hauptfeind ausgemacht wurde. Derzeit sind alle Augen auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine gerichtet und der Westen bemüht sich, Kremlchef Wladimir Putin vereint die Stirn zu bieten. Doch China ist ein ganz anderes Kaliber. Eine militärische Auseinandersetzung, aber auch ein Wirtschaftskonflikt mit China hätte unabsehbare globale Verwerfungen zur Folge und wäre für den Westen nicht zu gewinnen. Zu mächtig ist die Weltmacht China inzwischen, zu eng sind die wirtschaftlichen Verzahnungen in der globalisierten Welt. Man ist voneinander abhängig. Trotz all der Drohungen, trotz der rhetorischen Kriegserklärungen sind beide Seiten gut beraten, eine Eskalation zu vermeiden. Das weiß Washington, das weiß Europa und das weiß auch Peking. So betont Washington immer wieder, nicht an der Ein-China-Politik rütteln zu wollen. Und die Führung in Peking weiß, dass der Aufstieg Chinas ohne den Westen nie möglich gewesen wäre und auch weiterhin nicht möglich ist. Die Schlacht der Giganten bleibt derzeit wohl noch eine rhetorische. Noch.

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