
Das mumok-Jahresprogramm 2026: Aufmerksamkeit als Haltung
Mit seinem Jahresprogramm 2026 rückt das mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien unter der Leitung von Generaldirektorin Fatima Hellberg die Beziehung zwischen Kunstwerk und Betrachter*in in den Mittelpunkt. Im Zentrum steht die Museumserfahrung: Von den geplanten Ausstellungen über architektonische Veränderungen bis hin zum Veranstaltungsprogramm soll der Besuch ein Prozess sein, der Wahrnehmung verändert, Aufmerksamkeit fordert und Komplexität zulässt. Besonderes Augenmerk wird darauf gelegt, künstlerische Prozesse ins Museum zu bringen.
„_Ich sehe das Museum als Ort, an dem sich eine Beziehung zwischen Werk und Publikum entfaltet“, _sagt Fatima Hellberg._ „Diese Beziehung ist nicht statisch. Sie ist situativ, politisch und körperlich. Vor allem aber macht sie deutlich, dass Sehen keine neutrale Handlung ist, sondern eine Form der Beteiligung._“
Aus dieser klaren kuratorischen Haltung entwickelt sich das Programm 2026. Ausstellungen, räumliche Interventionen und das Veranstaltungsprogramm greifen ineinander und sind nicht als voneinander getrennte Formate gedacht. Die Sammlung bildet dabei den Ausgangspunkt und den Resonanzraum des Programms. „_Sie zeigt, wie Kunst mit ihrer Zeit verbunden ist und wie sich diese Verbindung immer wieder neu lesen lässt“, _so Fatima Hellberg._ „Viele Arbeiten im mumok sind performativ angelegt und entfalten sich erst im Gegenüber. Ich verstehe das Ausstellungsmachen auch als eine eigene künstlerische Praxis und als Handwerk, das Ausstellungsdramaturgie, Inszenierung und Perspektivwechsel bewusst zusammendenkt._“
AUFTAKT IM JUNI: _TERMINAL PIECE_ (20. JUNI 2026 – 7. FEBRUAR 2027)
Den programmatischen Auftakt macht am 20. Juni 2026 die Eröffnung von _Terminal Piece_. Die Gruppenausstellung erstreckt sich über fünf Ebenen des Hauses und ist als Abfolge von Akten konzipiert. Jedes Stockwerk bildet eine eigene Szene und untersucht unterschiedliche Aspekte der Beziehung zwischen Kunstwerk und Betrachtenden: von Verstrickung und Komplizenschaft über Präsenz und Teilhabe bis hin zu Perspektivverschiebungen, die erst durch die Begegnung selbst entstehen.
Ausgangspunkt ist die gleichnamige Installation von Kate Millett aus dem Jahr 1972. Das Werk ist zugleich der erste Ankauf unter der Leitung von Fatima Hellberg. Milletts Terminal Piece ist Bühne und Käfig zugleich: eine Arbeit, die betreten werden muss und sich nicht aus sicherer Distanz erschließt. Sie konfrontiert das Publikum mit Fragen von Macht, Sichtbarkeit und Verantwortung. Die Installation thematisiert das Beobachten selbst als Handlung und macht Strukturen sichtbar, die durch Gewohnheit unsichtbar geworden sind.
Die Ausstellung verbindet Werke aus der Sammlung mit neuen Arbeiten und externen Leihgaben. Gezeigt werden zentrale Werke aus der mumok Sammlung unter anderem von Lutz Bacher, Jean Fautrier, Francis Picabia, Cora Pongracz, Rudolf Schwarzkogler und Cy Twombly sowie selten präsentierte Arbeiten von Magdalena Abakanowicz, Stefan Bertalan und Emmanuel Sougez.
Ein zentraler Bestandteil ist die umfassende Rauminstallation der Bühnenbildnerin Anna Viebrock im Erdgeschoss. Sie verschränkt öffentliche Zonen mit sonst verborgenen Bereichen des Museums. Depot, Infrastruktur und Ausstellungsraum treten in ein produktives Spannungsverhältnis. Die Sammlung erscheint als lebendiges Ensemble und Gefüge, das sich durch die Anwesenheit der Besucher*innen immer wieder neu formiert.
LEBENDIGER RAUM ALS PROZESS: TOLIA ASTAKHISHVILI (20. JUNI – 1. NOVEMBER 2026)
Parallel zu Terminal Piece eröffnet die erste museale Einzelausstellung der georgischen Künstlerin Tolia Astakhishvili. Ihre Präsentation erstreckt sich über zwei Ebenen: Eine davon fungiert während der gesamten Laufzeit als offenes Atelier und Veranstaltungsraum. Bereits ab Mai 2026 ist das Publikum eingeladen, den Entstehungsprozess der Ausstellung mitzuerleben und zu einer kollektiven Arbeit beizutragen.
Astakhishvilis Praxis ist geprägt von einem feinen Gespür für Raum als etwas, das von früheren Nutzungen, Geschichten und Biografien durchzogen ist. Für ihre Ausstellung im mumok setzt sie sich intensiv mit der Sammlung auseinander und integriert ausgewählte Werke in ihre raumgreifenden Installationen. Ein zentrales Motiv ist die „Figur des Kindes“. Sie steht für einen Zustand gleichzeitiger Autonomie und Abhängigkeit, die über Bewegung, Berührung und erste Begegnungen wahrnehmbar wird und dabei bestehende räumliche und soziale Strukturen sichtbar macht. Das Museum wird dabei nicht nur Ausstellungsort, sondern Material. Es wird bewohnt, durchquert und genutzt, dabei bleibt die Grenze zwischen Produktion und Präsentation bewusst offen.
ERFAHRUNGSRAUM MUMOK: NEUER BEREICH UND NEUES LEITSYSTEM
Diese Haltung setzt sich über die Ausstellungen hinaus fort: 2026 werden mehrere räumliche und strukturelle Weiterentwicklungen im mumok umgesetzt. Ein neu gestaltetes Stockwerk entsteht als offener Bereich für Kreativität, Austausch und Aufenthalt für Kinder und Erwachsene, entworfen vom Architekten Andrea Faraguna. Dieser wird die charakteristischen Elemente der Architektur von Ortner & Ortner mit seiner eigenen gestalterischen Handschrift verbinden. Faraguna wurde zuletzt mit dem Goldenen Löwen der Architekturbiennale 2025 ausgezeichnet. Ein neues Leitsystem wird zudem neue Formen der Orientierung schaffen. Auch bisher verdeckte architektonische Elemente wie Fenster werden wieder sichtbar gemacht. Diese Eingriffe zielen auf eine veränderte Besuchserfahrung vom Ankommen bis zum Verlassen des Hauses.
HERBST 2026: CAMERON ROWLAND UND VERENA PARAVEL
Im Herbst 2026 setzt das mumok sein Programm mit zwei markanten Positionen fort. Eine Ausstellung des US-amerikanischen Künstlers Cameron Rowland zeigt ab 14. November neue Arbeiten. Rowlands Werk setzt sich mit der Persistenz kolonialer Vorteile und rassistischer Strukturen auseinander, untersucht institutionelle und materielle Bedingungen und stellt die Frage, wie Kunst in diese Verhältnisse eingebunden ist. Sichtbares, Politisches und Ökonomisches lassen sich dabei nicht voneinander trennen.
Ab 5. Dezember ist mit Cosmofonia die erste museale Einzelausstellung der französischen Anthropologin und Künstlerin Verena Paravel zu sehen. Das immersive Filmprojekt widmet sich Klängen und Kommunikationsformen jenseits menschlicher Wahrnehmung. In mehreren Kapiteln eröffnet Paravel Zugänge zu ökologischen Systemen, die im musealen Kontext meist unsichtbar bleiben. Ihre Arbeit macht zugleich deutlich, dass jede Form von Beobachtung vermittelt ist und dass Wahrnehmung immer begrenzt bleibt.
PRÄZISE AUFMERKSAMKEIT STATT SCHNELLER EINDEUTIGKEIT
Mit dem Jahresprogramm 2026 entwickelt das mumok seine Geschichte aus sich selbst heraus weiter: Als öffentliches Haus, das Sammlung, Ausstellung und Erfahrung enger miteinander verknüpft. Dabei setzt Generaldirektorin Hellberg auf Aufmerksamkeit statt Effekte und versteht die Begegnung mit Kunst als etwas, das Zeit braucht und Wirkung entfaltet. „_Ein Museum muss kein Ort schneller Antworten sein“, _sagt Fatima Hellberg_. „Es kann ein Raum sein, in dem man Komplexität erlebt und aushält. Und in dem etwas bleibt, wenn man ihn verlässt._“
ÜBERBLICK JAHRESPROGRAMM 2026:
TERMINAL PIECE 20. Juni 2026 – 7. Februar 2027
TOLIA ASTAKHISHVILI 20. Juni – 1. November 2026
CAMERON ROWLAND 14. November 2026 – 4. April 2027
VERENA PARAVEL: _COSMOFONIA_ 5. Dezember 2026 – 30. Mai 2027
mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien
Mag. Katharina Murschetz (Leitung)
Telefon: +43-1-52500-1400
Mag. Katharina Kober
Telefon: +43-1-52500-1309
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