ÖGKJP fordert für die Generation Alpha digitalen Kinder- und Jugendschutz

Die gesellschaftliche und politische Debatte um ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche verweist wiederholt auf mögliche negative Auswirkungen der Nutzung sozialer Medien auf die psychische Gesundheit. Vor diesem Hintergrund möchte die Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (ÖGKJP) zum Umgang mit Social Media Stellung nehmen.

Auf Basis der verfügbaren internationalen wie auch nationalen Daten lässt sich festhalten, dass in einer großen Zahl von Studien ein Zusammenhang zwischen der Nutzungsdauer (insbesondere sozialer Medien) und verschiedenen Parametern psychischer Gesundheit (Stimmung, Schlaf, Schulleistung, Konzentration und Risikoverhalten in Bezug auf soziale und sexuelle Kontakte) beschrieben wird. Aktuell konnte auch in Österreich gezeigt werden, dass eine Reduktion der Smartphonenutzungsdauer mit einer leichten Verbesserung depressiver Symptomatik einherging. Ebenso wurde bei jungen Erwachsenen in Österreich eine Verbesserung psychischer Gesundheitsparameter im Zusammenhang mit reduzierter Smartphonenutzung beobachtet.

Gleichzeitig ist darauf hinzuweisen, dass längsschnittliche Studien insgesamt deutlich schwächere Hinweise auf einen kausalen Einfluss der Mediennutzung auf die psychische Gesundheit liefern. Zudem zeigen die vorliegenden Daten, dass nicht alle Formen der Smartphone-Nutzung mit einem gleich hohen Risiko verbunden sind. Während insbesondere die Nutzung sozialer Medien häufiger mit negativen Effekten auf die psychische Gesundheit assoziiert ist, zeigen sich bei anderen Nutzungsformen (wenn überhaupt) deutlich schwächere Zusammenhänge. Darüber hinaus kann die Nutzung von Social-Media- und insbesondere von Messenger-Diensten für einzelne Jugendliche auch eine psychisch unterstützende Funktion haben, etwa für Angehörige von Minderheiten oder Jugendliche mit eingeschränkten Möglichkeiten sozialer Teilhabe (digitales Zugehörigkeitsgefühl).

„Dennoch sind manche Kinder und Jugendliche aufgrund ihrer Biografie vulnerabler als andere. So kommt es bei Kindern und Jugendlichen nach einem erlebten Trauma zu einer erhöhten Anzahl von Grenzverletzungen und sexuellem Mixbrauch im Internet“, sagt Univ.-Prof. Dr. Kathrin Sevecke, Innsbruck. Besonders junge Menschen mit psychischen Erkrankungen werden als Risikogruppe eingestuft, da sie digitale Medien häufig zur emotionalen Regulation, Ablenkung oder Selbsthilfe nutzen.

Vor dem Hintergrund dieser differenzierten Befundlage ist klar festzuhalten, dass die Nutzung von Smartphones oder sozialen Medien nicht als alleiniger Auslöser der derzeit international zu beobachtenden Verschlechterung der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen verstanden werden kann. Neben möglichen Regulierungen im Bereich sozialer Medien bedarf es vielfältiger weiterer Maßnahmen. Dazu zählt insbesondere ein dringend notwendiger Ausbau des Zugangs zu qualitätsgesicherter psychosozialer Versorgung, einschließlich Kassenleistungen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und klinischen Psychologie.

Ungeachtet dieser Einordnung muss jedoch berücksichtigt werden, dass die zuletzt erhobenen durchschnittlichen Smartphone-Nutzungszeiten von etwa 190 Minuten pro Tag sich auf nahezu einen ganzen Nutzungstag pro Woche summieren, auch wenn sie im Vergleich zu den Vorjahren rückläufig sind. Auf ein Jahr gerechnet verbringen Kinder und Jugendliche damit über eineinhalb Monate ihrer Wachzeit am Smartphone. „Die am Smartphone verbrachte Zeit steht dann nicht für andere gesundheitsförderliche Aktivitäten wie soziale Kontakte im realen Raum oder sportliche Betätigung zur Verfügung.“ so Univ.-Prof. Dr. Paul Plener, Präsident der ÖGKJP. In der kinder- und jugendpsychiatrischen Praxis muss vermehrt auf eine neue Klassifikation eines riskanten Mediennutzungsverhalten bzw. eine digitale Medien-Nutzungsstörung geachtet und für eine fachgerechte Früherkennung gesorgt werden.

Darüber hinaus ist festzuhalten, dass der Schutz von Kindern und Jugendlichen vor entwicklungsgefährdenden Inhalten, etwa pornografischen Angeboten oder Inhalten politischer Radikalisierung, durch die Plattformbetreiber bislang unzureichend geregelt ist. Vor solchen Inhalten muss ein wirksamer Kinder- und Jugendschutz digital definiert und umgesetzt werden.

Vor diesem Hintergrund befürwortet die ÖGKJP ein Social-Media-Verbot für Kinder unter 14 Jahren, das sich auf Social-Media-Plattformen beschränkt. Ein solches Verbot sollte durch begleitende medienpädagogische Maßnahmen – die auch den Umgang mit KI in den Blick nehmen – in den Schulen und zuhause ergänzt werden, um Jugendlichen zwischen dem 14. und 16. Lebensjahr einen kompetenten und reflektierten Umgang mit sozialen Medien zu ermöglichen.

Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und
Psychosomatik, 6060 Hall in Tirol – Milser Straße 10
Prim. Univ.-Prof.in Dr.in Kathrin Sevecke
Telefon: 05050 488421
E-Mail: kathrin.sevecke@tirol-kliniken.at

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