
Rückruf von Säuglingsnahrung: foodwatch erhebt Klage im Babymilchskandal
Im Fall der umfangreichen Rückrufaktion für Säuglingsnahrung in Pulverform hat foodwatch im Namen betroffener Familien, deren Babys erkrankt sind, in Frankreich Klage eingereicht. Die europäische Verbraucherorganisation kritisiert Unternehmen und Behörden dafür, dass sie die Öffentlichkeit zu spät gewarnt haben. Nach Recherchen von foodwatch wurde Nestlé bereits Anfang Dezember 2025 über die Kontamination informiert, doch es dauerte Wochen, bis groß angelegte öffentliche Rückrufaktionen gestartet wurden. Mehrere Hersteller haben in Europa und weltweit Babyprodukte zurückgerufen, darunter Nestlé, Danone, Lactalis, Vitagermine, La marque en moins, Granarolo und Hochdorf.
Die zurückgerufenen Produkte stehen im Verdacht, mit dem Giftstoff Cereulid kontaminiert zu sein. Die Produkte wurden international verkauft und sind für Säuglinge bestimmt, darunter Babys unter sechs Monaten und Frühgeborene. Die heute in Paris eingereichte Beschwerde fordert eine Untersuchung möglicher Verstöße durch Hersteller und Versäumnisse der Behörden bei der Lebensmittelaufsicht. Acht Familien haben sich bereits angeschlossen, weitere Familien bereiten sich darauf vor.
_„Es gibt absolut keine akzeptable Entschuldigung für diese verspäteten Rückrufe; deshalb reicht foodwatch heute gemeinsam mit den Eltern eine Klage ein. Hersteller von Säuglingsnahrung sind gesetzlich verpflichtet, die Sicherheit der von ihnen in Verkehr gebrachten Produkte zu gewährleisten. Die von uns angegebenen Unternehmen haben eine alarmierende Nachlässigkeit an den Tag gelegt. Das Problem jetzt herunterzuspielen und den Zusammenhang zwischen dem Verzehr der zurückgerufenen Säuglingsnahrung und den schweren Symptomen vieler Säuglinge zu leugnen, ist einfach unanständig. Zu erfahren, dass die Säuglingsnahrung monatelang von Nestlé und Danone verkauft wurde – im Fall von Lactalis sogar ein Jahr lang –, ist empörend“, _sagt Ingrid Kragl, Leiterin Information und Recherche bei foodwatch.
ELTERN BERICHTEN VON KRANKEN UND HOSPITALISIERTEN BABYS
foodwatch hat mehrere Fälle betroffener Familien geprüft, die ähnliche Muster aufweisen. Bei den Babys traten schwere Symptome auf, die mit einer Standardbehandlung nicht zu beheben waren: wiederholtes Erbrechen, anhaltender Durchfall, Fieber und Bauchschmerzen. Einige Säuglinge wurden Ende 2025, noch vor den Massenrückrufen, ins Krankenhaus eingeliefert. In mindestens einem Fall wurde bei medizinischen Untersuchungen das Bakterium Bacillus cereus nachgewiesen. Die Eltern berichten von wochenlanger Angst und Verzweiflung.
foodwatch fordert Eltern dringend auf, Produktverpackungen oder Restbestände der Säuglingsnahrung nicht zu vernichten. Einige Einzelhändler und Marken haben den Konsument:innen geraten, die Verpackungen zu entsorgen und zu vernichten. Die Marke Guigoz von Nestlé hat Eltern sogar gebeten, die Verpackungen zurückzusenden. Davon rät foodwatch dringend ab, da das Pulver möglicherweise als Beweismittel und für Tests benötigt wird.
foodwatch weist darauf hin, dass Behörden in Belgien, Luxemburg und Brasilien öffentlich einen Zusammenhang zwischen dem Verzehr von Nestlé-Milchnahrung und Erkrankungen bei mehreren Babys festgestellt haben.
FOODWATCH: UNTERNEHMEN UND BEHÖRDEN HABEN ES VERSÄUMT, DIE ÖFFENTLICHKEIT RECHTZEITIG ZU WARNEN
Nach Informationen von foodwatch wurde Nestlé im Dezember 2025 von seinem chinesischen Lieferanten über die Verunreinigung informiert. Die der Anzeige/Beschwerde folgenden Ermittlungen müssen klären, wann andere Hersteller informiert wurden. foodwatch liegen Hinweise auf sogenannte „stille Rückrufe” in einigen Ländern – darunter Österreich – vor, ohne proaktive Kommunikation mit den Konsument:innen.
In Frankreich scheinen die zurückgerufenen Chargen viele Monate lang verkauft worden zu sein. Die verspäteten Rückrufe haben es für Familien erschwert, Verpackungen aufzubewahren und Säuglinge und Produkte schnell zu testen. Eine frühzeitige Untersuchung ist entscheidend, sobald Symptome auftreten und ein Zusammenhang mit zurückgerufenen Produkten vermutet wird. Die Untersuchung kann auch später mit dem verbleibenden Pulver durchgeführt werden.
Die Anzeige von foodwatch richtet sich gegen schwerwiegende Verstöße, darunter die Gefährdung von Säuglingen, schwere Täuschung, das Inverkehrbringen schädlicher Produkte, die Nichtdurchführung von Rückrufen und die Unterlassung der Unterrichtung von Behörden und Konsument:innen, auch bei Exporten in Drittländer.
François Lafforgue, Anwalt von foodwatch und den betroffenen Eltern, sagte: _„Die Haftung der Unternehmen, gegen die sich die Beschwerde von foodwatch und den Eltern richtet, scheint uns erwiesen, aber die Ermittlungen werden dies bestätigen. Diese Hersteller konnten sich der ihnen obliegenden Verpflichtungen zur Lebensmittelsicherheit nicht unbewusst sein. Wir fordern in diesem Fall, der die Gesundheit von Säuglingen betrifft, größte Entschlossenheit.“_
Der Inhaltsstoff, um den es in diesem Fall geht, ist ARA (Arachidonsäure, eine Omega-6-Fettsäure). Auch wenn er von einem Unternehmen in China geliefert wurde, tragen die Hersteller weiterhin die volle Verantwortung für die Produktsicherheit und die Einhaltung der EU-Vorschriften zur Rückverfolgbarkeit und zur rechtzeitigen Unterrichtung der Behörden und Konsument:innen.
foodwatch hat bereits in früheren Fällen von schwerwiegenden Verstößen gegen die Lebensmittelsicherheit Anzeige erstattet, darunter bei mit Salmonellen kontaminierter Säuglingsnahrung (Lactalis, 2018) und mit E. coli kontaminierten Tiefkühlpizzen (Buitoni/Nestlé, 2022) sowie beim Skandal um abgefülltes Wasser von Nestlé (2024). foodwatch unterstützt auch Familien im Fall Kinder/Ferrero (2022), bei dem es um Salmonellen ging.
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foodwatch Österreich
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