Wenn Jugendliche mit psychischen Erkrankungen erwachsen werden

AIHTA-Studie analysiert internationale Modelle und zeigt Handlungsoptionen für Transitionspsychiatrie in Österreich AIHTA-Studie analysiert internationale Modelle und zeigt Handlungsoptionen für Transitionspsychiatrie in Österreich

Rund ein Viertel aller 10- bis 18-Jährigen in Österreich leidet an einer psychischen Erkrankung. Für nahezu die Hälfte der Patientinnen und Patienten in der Kinder- und Jugendpsychiatrie besteht nach Expertenschätzung der Bedarf an einer weiteren Behandlung in der Erwachsenenpsychiatrie. Dieser Übergang – Transition genannt – ist eine kritische Phase, die häufig von Behandlungsunterbrechungen und -abbrüchen geprägt ist. Eine aktuelle Studie des Austrian Institute for Health Technology Assessment (AIHTA) analysiert internationale Modelle der Transitionspsychiatrie und leitet Handlungsoptionen für Österreich ab.

„Die Kontinuität der Versorgung in der Übergangsphase ist entscheidend für den Krankheitsverlauf“, sagt Romy Schönegger, Erstautorin der Studie. Es gibt allerdings nur wenige Länder, die Standards und Strategien für die Transitionspsychiatrie entwickelt haben. Grundsätzlich kann man international zwei Hauptmodelle identifizieren. In Großbritannien setzt man etwa auf „Koordinationsmodelle“, die darauf abzielen, die Zusammenarbeit zwischen der Kinder- und Jugendpsychiatrie und der Erwachsenenpsychiatrie zu stärken. In Australien und Dänemark verfolgt man hingegen die Strategie, jugendspezifische Dienste mit altersgerechten Angeboten außerhalb der traditionellen Strukturen zu schaffen.

„Keines der Modelle ist grundsätzlich überlegen“, betont Schönegger. „Es ist wichtig, einen flexiblen, bedarfsorientierten Ansatz zu verfolgen, der sich an den entwicklungsbezogenen, klinischen und psychosozialen Bedürfnissen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen orientiert und an die lokalen Ressourcen und Bedürfnisse der Bevölkerung angepasst ist.“

EMPFEHLUNGEN FÜR ÖSTERREICH

Seit 2024 besteht in Österreich rechtlich die Möglichkeit, Patientinnen und Patienten über das 18. Lebensjahr hinaus in der Kinder- und Jugendpsychiatrie zu behandeln. Laut Aussagen von Expertinnen und Experten scheitert das in der Praxis jedoch oft an fehlenden personellen Ressourcen.

„Es gibt kein internationales Best-Practice-Modell, das wir in Österreich 1:1 übernehmen könnten. Aber aus den internationalen Studien lassen sich einige Handlungsoptionen ableiten“, resümiert Schönegger. Allen voran brauche es eine nationale Strategie für die Transitionspsychiatrie, die in ein Gesamtkonzept zur Stärkung der psychischen Gesundheit von jungen Menschen eingebettet ist und mit entsprechenden Ressourcen ausgestattet wird. Diese sollte unter Einbindung von Betroffenen und Angehörigen erstellt werden und sich nicht an starren Altersgrenzen, sondern am Krankheitsverlauf, Entwicklungsstand und der Bereitschaft der Jugendlichen orientieren.

„Ein strukturierter Transitionsprozess erfordert Koordination, Monitoring und einen verlässlichen Austausch von Daten und Informationen“, so die Studienautorin. „Und er sollte alle Lebensbereiche der jungen Menschen einbeziehen – dazu zählen die Primärversorgung sowie Kooperationen mit dem Bildungs- und Beschäftigungssektor“.

Wichtige Bausteine sind zudem Angebote der Psychoedukation sowie Kommunikationsstrategien zur Entstigmatisierung von psychischen Erkrankungen und eine kontinuierliche Begleitforschung und Evaluation. „Die wissenschaftlichen Erkenntnisse deuten darauf hin, dass eine frühzeitige, strukturierte Planung der Transition die Versorgungskontinuität verbessert und negative Outcomes reduziert“, fasst Schönegger zusammen. „Die Implementierung solcher Prozesse ist daher ein zentraler Schritt für die Weiterentwicklung der psychiatrischen Versorgung in Österreich.“
ÜBER DIE STUDIE

HTA Austria – Austrian Institute for Health Technology Assessment
GmbH
Mag. Andrea Fried
Telefon: +43 1 236 8119 -12
E-Mail: andrea.fried@aihta.at

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