
Bildung braucht Tiefe: Warum eine Lehrplanreform Humanismus und Technologie verbinden muss
Die von der Bundesregierung geplante Lehrplanreform, die eine Reduktion des Lateinunterrichts an österreichischen Gymnasien zugunsten eines Ausbaus von Kompetenzen im Bereich künstlicher Intelligenz (KI) vorsieht, stellt nach Ansicht des Bundesjugendvorstandes des MKV einen tiefgreifenden Eingriff in das Selbstverständnis des humanistischen Gymnasiums dar. Diese Schulform war über Jahrzehnte ein zentraler Träger österreichischer und europäischer Allgemeinbildung. Latein fungiert dabei nicht lediglich als Traditionsfach, sondern als wesentliches Instrument zur Förderung analytischen Denkens, historischer Reflexionsfähigkeit sowie eines fundierten Verständnisses von Recht, Wissenschaft und Demokratie.
Die geplante Reduktion des Lateinunterrichts von zwölf auf acht Wochenstunden in der Oberstufe untergräbt diese bewährte Bildungstradition. Besonders kritisch ist die argumentativ verknüpfte Gegenüberstellung von klassisch-humanistischer Bildung und technologischer Kompetenzentwicklung zu bewerten. Digitale Medienkompetenz und ein reflektierter Umgang mit KI sind zweifellos zentrale Anforderungen moderner Bildung. Sie lassen sich jedoch sinnvoll in bestehende Curricula integrieren, ohne grundlegende humanistische Inhalte zu verdrängen. Eine Reform, die auf bloßer Stundentauschlogik basiert, verfehlt eine ausgewogene und nachhaltige Bildungsstrategie.
Darüber hinaus erfüllt Latein eine zentrale sprachbildende Funktion. Die historische Entwicklung der deutschen Sprache ist eng mit dem Lateinischen verbunden, insbesondere durch die Bildungs- und Schrifttradition des Mittelalters. Grammatik, Syntax sowie große Teile des Fach- und Bildungsvokabulars lassen sich ohne lateinische Grundlagen nur unzureichend erklären. Eine Schwächung des Lateinunterrichts wirkt sich daher mittelbar negativ auf die Deutschkompetenz aus. Vor dem Hintergrund bereits besorgniserregender Ergebnisse österreichischer Schülerinnen und Schüler in den PISA-Studien im Bereich Lesen erscheint der Abbau sprachlicher Grundlagenfächer bildungspolitisch kontraproduktiv.
Kritisch zu bewerten ist zudem die mangelnde didaktische und strukturelle Vorbereitung neuer Unterrichtsbereiche wie „Informatik und KI“ oder „Medien und Demokratie“. Ohne flächendeckend qualifizierte Lehrkräfte, erprobte Konzepte und geeignete Lehrmaterialien besteht die Gefahr oberflächlicher Vermittlung. Auch fachspezifische Studienzugänge, etwa in Medizin oder Rechtswissenschaften, werden durch die Reduktion der Lateinstunden erschwert oder problematisch verschoben.
Der Bundesjugendvorstand des MKV fordert daher den Erhalt des bestehenden Stundenausmaßes im Lateinunterricht, eine Reform ohne Verdrängung sprachlicher und humanistischer Grundlagenfächer sowie eine evidenzbasierte Lehrplanentwicklung unter Einbindung von Fachpraxis, Fachdidaktik und Bildungswissenschaft. Zukunftskompetenzen dürfen nicht auf Kosten bewährter bildungspolitischer Errungenschaften eingeführt werden, sondern müssen diese sinnvoll ergänzen.
Mittelschüler-Kartell-Verband
Simon Brandstätter
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