
Offener Brief der Gewerkschaft vida an Salzburgs Landeshauptmann-Stellvertreterin Svazek zur Lehrlingsausbildung
vida über Svazeks Kritik an Regierungsplänen zur Rot-Weiß-Rot-Karte befremdet: Einladung zum konstruktiven Dialog statt Sündenbock-Politik
Die Gewerkschaft vida drückt in einem offenen Brief an Salzburgs Landeshauptmann-Stellvertreterin Marlene Svazek ihr Befremden über die von der Politikerin in ihrer Presseaussendung unter dem Titel „Ausbilden statt importieren!“ getätigte Kritik an den Plänen der Bundesregierung zur Rot-Weiß-Rot-Karte für Lehrlinge aus. Die wahren Probleme am Arbeitsmarkt würden hingegen komplett ausgeblendet und der ÖGB als „wirtschaftsfeindlich“ bezeichnet
Olivia Janisch, stv. Vorsitzende und Frauenvorsitzende der Gewerkschaft vida, ersucht Svazek im offenen Brief, in der öffentlichen Debatte bei den Fakten zu bleiben. Wir laden Sie ein, den konstruktiven Dialog mit uns aufzunehmen und wirklich für die arbeitenden Menschen zu arbeiten, anstatt den ÖGB zum Sündenbock für verfehlte Landespolitik zu machen. Die Herausforderungen am Salzburger und österreichischen Arbeitsmarkt sind zu ernst für politische Inszenierungen“, betont Janisch. Nachfolgend der offene Brief im Wortlaut:
Wien, 27. Februar 2026
An die Landeshauptmann-Stellvertreterin
MARLENE SVAZEK
Landesregierung Salzburg
Chiemseehof, 5010 Salzburg
OFFENER BRIEF: IHRE PRESSEAUSSENDUNG „AUSBILDEN STATT IMPORTIEREN!“ VOM 26.02.2026 – RICHTIGSTELLUNG
Sehr geehrte Frau Landeshauptmann-Stellvertreterin Svazek,
als Verkehrs- und Dienstleistungsgewerkschaft haben wir Ihre Presseaussendung vom 26. Februar 2026 mit großem Befremden zur Kenntnis genommen. Darin kritisieren Sie unter dem Titel „Ausbilden statt importieren!“ zwar die Rot-Weiß-Rot-Karte für Lehrlinge, aber blenden die wahren Probleme am Arbeitsmarkt komplett aus. Stattdessen bevorzugen Sie es, den ÖGB als „wirtschaftsfeindlich“ zu bezeichnen.
Wir teilen Ihr Anliegen, dass die Ausbildung junger Menschen in Österreich Priorität haben muss. Allerdings stehen Ihre Aussagen im Widerspruch zur Arbeitsmarktpolitik in Ihrem eigenen Bundesland.
2. DER ARBEITSMARKT IN SALZBURG – REALITÄTSCHECK
Wir finden es befremdlich, dass Sie offensichtlich mit Teilinformationen in der laufenden Budgetdebatte noch mehr Geld für Unternehmen herausschlagen wollen, statt sich die Frage zu stellen, wie Lehrlinge in ihren Ausbildungsbetrieben besser geschützt werden können. Als geborene Salzburgerin stelle ich mir die Frage, warum Sie offenkundig die Interessen der Unternehmen vertreten und sich nicht auf die Seite der Lehrlinge und der arbeitenden Menschen stellen.
Als vida-Bundesfrauenvorsitzende fordere ich Sie auch auf, als maßgebliche Landespolitikerin weibliche Lehrlinge stärker zu schützen. Wie Sie sicherlich wissen, sind weibliche Lehrlinge immer häufiger Übergriffen im Betrieb ausgesetzt. Auch Sie haben es in der Hand, für Sicherheit am Lehrplatz zu sorgen. Als Gewerkschaft fordern wird weiters, Unternehmen zu sanktionieren, die zulassen, dass Lehrlinge in ihren Lehrbetrieben als billige Hilfskräfte behandelt werden, und die nicht dafür sorgen, dass sie auf Lehrabschlussprüfungen und das Berufsleben gut vorbereitet werden.
Hinzu kommt, dass Salzburger Betriebe selbst so stark auf Drittstaatenarbeitskräfte setzen wie in keinem anderen Bundesland. Sie scheinen daher mit „Arbeitskräfteimport“ kein Problem zu haben und treten diesem auch nicht entgegen.
4. ARBEITSKRÄFTEIMPORT ALS GELEBTE PRAXIS IN SALZBURG
Ins Auge sticht ein grundlegender Widerspruch: Während Sie öffentlich die Rekrutierung von Drittstaatsarbeitskräften ablehnen, nutzt das Land Salzburg unter Ihrer Regierungsbeteiligung jedoch genau diese Instrumente in erheblichem Umfang. Worte und Taten Ihrer Politik widersprechen sich also.
Obwohl auch das Bundesland Salzburg über 15.000 Arbeitssuchende, eine steigende Frauenarbeitslosigkeit und eine Jugendarbeitslosigkeit von 12,4 Prozent ausweist, sind Salzburg – und darüber hinaus alle Bundesländer mit FPÖ-Regierungsbeteiligung – ganz vorne dabei, wenn es um den Einsatz von Arbeitskräften aus Drittstaaten geht.
So haben Oberösterreich und Salzburg sich nachweislich massiv für Erleichterungen bei der Drittstaatenzuwanderung eingesetzt. Mit dem Ergebnis, dass die regionalen Mangelberufslisten von Oberösterreich und Salzburg jene mit den meisten Berufen sind. (https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/BgblAuth/BGBLA_2025_II_316/BGBLA_2025_II_316.pdf)
Auch die Fakten im Bereich der Beschäftigten im Tourismus und in den Gesundheitsberufen sprechen eine andere Sprache als Ihre Aussagen. Salzburg und Oberösterreich haben jeweils doppelt so viele Beschäftigte im Tourismus über Rot-Weiß-Rot-Karten beschäftigt als alle anderen „Tourismusbundesländer“. Salzburg ist auch jenes Bundesland, das massiv auf ausländische Saisonarbeitskräfte setzt.
„Ausbilden statt importieren“ ist also nicht mehr als eine politische Schlagzeile. In der Praxis bedient sich aber gerade Salzburg massiv der Arbeitsmigration aus Drittstaaten. Die entscheidenden Fragen, die Sie nicht stellen: Zu welchen Bedingungen werden diese Menschen beschäftigt? Wie stellen Sie sicher, dass es hier nicht zu einem Verdrängungswettbewerb von bestehenden Arbeitskräften und Arbeitsuchenden kommt? Wie garantieren Sie die Einhaltung aller arbeitsrechtlichen Vorschriften wie z.B. Arbeitszeitgesetz und Arbeitsruhegesetz?
5. Frauen werden im Stich gelassen
Die Frauenarbeitslosigkeit steigt in Salzburg mehr an als jene der Männer. Gerade im Gesundheits- und Pflegebereich sowie im Tourismus sind mehrheitlich Frauen beschäftigt. Das sind derzeit schon jene Branchen, in denen viele Menschen mit Migrationsbiografie und aus Drittstaaten eingesetzt werden. Insbesondere Frauen, die dazu beitragen, dass sich Salzburg als Tourismusland positionieren kann. Frauen, die aber genau in diesen Branchen um bessere Arbeitsbedingungen kämpfen müssen.
Es sind jene Frauen, denen Sie den Pflegebonus kürzen. Es sind jene Frauen, die wegen der fehlenden öffentlichen Verkehrsversorgung in den Salzburger Tälern nicht ausreichend mobil sein können. Es sind jene Frauen, die mehr Kinderbildungsangebote brauchen, damit sie im Handel, im Tourismus, in der Pflege arbeiten können. Es sind jene Frauen, die sich Wohnen in Salzburg nicht mehr leisten können, weil die Mietpreise und die Preise für Eigentum gerade im Land Salzburg enorm gestiegen sind. Es sind jene weiblichen Lehrlinge, die am Arbeitsplatz besonders oft Übergriffen ausgesetzt sind, weil sie auch im Land Salzburg zu wenig geschützt werden.
6. Ehrlichkeit
Wir ersuchen Sie, in der öffentlichen Debatte bei den Fakten zu bleiben. Wer mit Widersprüchen Stimmung macht, schadet den Menschen: den Jugendlichen, die einen Ausbildungsplatz suchen; den Arbeitnehmerinnen und bestehenden Arbeitnehmern aus Drittstaaten, die oft unter prekären Bedingungen arbeiten und den bestehenden Fach- und Arbeitskräften, deren Löhne durch abhängige Beschäftigung unter Druck geraten.
Wir laden Sie ein, den konstruktiven Dialog mit uns aufzunehmen und wirklich für die arbeitenden Menschen zu arbeiten, anstatt den ÖGB zum Sündenbock für verfehlte Landespolitik zu machen. Die Herausforderungen am Salzburger und österreichischen Arbeitsmarkt sind zu ernst für politische Inszenierungen.
Mehr Geld für Unternehmen löst keines der angesprochenen Probleme. Es braucht echtes Einschreiten im Sinne der Beschäftigten im Land Salzburg.
Mit freundlichen Grüßen,
OLIVIA JANISCH
Stv. Vorsitzende und Frauenvorsitzende der Gewerkschaft vida
Anmeldung möglich:
Gewerkschaft vida/Öffentlichkeitsarbeit
Hansjörg Miethling
Telefon: 0664 / 6145 733
E-Mail: hansjoerg.miethling@vida.at
Website: https://www.vida.at
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