
teilhaben teilsein: Sind Jugendliche mit 16 „politisch reif genug“ zum Wählen?
Die Erwartungen an die Herabsetzung des Wahlalters und was wir heute dazu wissen
Im Jahr 2007 fasste das österreichische Parlament mit breiter Mehrheit den Beschluss, Jugendliche in Österreich an bundesweiten Wahlen teilnehmen zu lassen. Umgesetzt wurde die Senkung des Wahlalters von 18 auf 16 bei Nationalratswahlen, EU-Wahlen und Bundespräsidentschaftswahlen mit dem Wahlrechts-Änderungsgesetz 2007 und einer begleitenden Verfassungsnovelle. Bei der Nationalratswahl 2008 durften in Österreich erstmals junge Menschen ab 16 Jahren zur Wahl gehen.
Der breite politische Konsens in dieser Frage war allerdings erst allmählich ab der Mitte der 1990er Jahre in einer öffentlichen Debatte entstanden. Die Pro-Seite erwartete demokratiepolitisch positive Effekte, die Kontra-Seite zweifelte an der „politischen Reife“ der 16- und 17-Jährigen (siehe dazu Parlamentskorrespondenz Nr. 361 vom 27. April 2026). Wie bewertet die Wahlforschung das heute, fast 20 Jahre nach der Senkung des Wahlalters? Inwieweit haben sich Erwartungen und Bedenken bestätigt?
NATIONALE WAHLSTUDIE LIEFERT DATENGRUNDLAGE
Obwohl die Debatte über die Senkung des Wahlalters sowohl auf der Pro- als auch auf der Kontraseite mit starken Meinungen geführt wurde, waren aus wissenschaftlicher Sicht die dabei vorgebrachten Argumente empirisch nur schwach untermauert. Unterdessen liegt eine bessere Datengrundlage vor, um der Frage nachzugehen, wie die Absenkung des Wahlalters das Wahlverhalten beeinflusst.
Die wichtigste Datengrundlage liefert die langfristig angelegte nationale Wahlstudie AUTNES (Austrian National Election Study). AUTNES wurde vom Institut für Staatswissenschaft und vom Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien in den Jahren 2009 bis 2019 durchgeführt. Die langfristig angelegte, umfassende sozialwissenschaftliche Analyse der österreichischen Nationalratswahlen bietet eine umfassende Datengrundlage zum Wahlverhalten der verschiedenen Altersgruppen. 2022 bis 2025 wurden über das Projekt „Digitize! – Computational Social Sciences in der digitalen und sozialen Transformation “ weitere Befragungen durchgeführt.
ERHÖHT EIN NIEDRIGES WAHLALTER DAUERHAFT DIE POLITISCHE BETEILIGUNG?
Die Absenkung des Wahlalters wurde von den Befürworterinnen und Befürwortern mit demokratiepolitischen Hoffnungen verknüpft. So erhoffte man sich, dass Jugendliche frühzeitiger und besser in den politischen Prozess eingebunden werden könnten. Ihnen bei wichtigen Zukunftsentscheiden eine Stimme als Wählerinnen und Wähler zu geben, erschien somit als wichtiger Schritt im Kampf gegen die Politikverdrossenheit. Argumentiert wurde dabei auch mit dem „first time voter effect“. Dabei wird davon ausgegangen, dass die Bereitschaft, wählen zu gehen, auch auf einem „Habituierungseffekt“ beruht. Wenn Wählen für junge Menschen früh zur Gewohnheit werde, werde das die Wahlbeteiligung langfristig erhöhen.
Als 2008 erstmals bei einer Nationalratswahl die Senkung des Wahlalters zum Tragen kam, erhielt das Wahlverhalten der Erstwählerinnen und -wähler eine dementsprechend große Aufmerksamkeit. In der vor der Senkung des Wahlalters geführten Debatte war oft von einem eher geringen Interesse der Jugend an Politik ausgegangen worden. Grundsätzlich hatte sich in den Jahren davor gezeigt, dass die Wahlbeteiligung der jüngeren Wählergruppen immer unter dem Durchschnitt lag. Nachwahlbefragungen für 2008 zeigten bei den 16- und 17-jährigen Erstwählerinnen und -wählern jedoch eine Wahlbeteiligung nahe an der gesamtösterreichischen Wahlbeteiligung von 79 %, was auch den „first time voter effect“ zu bestätigen schien.
Aufbauend auf der langfristig ausgelegten AUTNES-Studie beauftragte das österreichische Parlament beim Department of Methods in the Social Sciences (MeSoS Vienna) der Universität Wien eine Zusatzstudie, die besonders das Wahlverhalten der jüngsten Wählerinnen und Wähler bei der Nationalratswahl 2013 unter die Lupe nahm. Darin konnte erstmals untersucht werden, ob die höhere Wahlbeteiligung der jüngsten Wählergruppe nur ein einmaliger Effekt war. Hier zeigte sich, dass die Wahlbeteiligung der jüngeren Altersgruppen seit 2008 gesunken war und unter dem Durchschnitt lag. Nur 63 % der 16- und 17-Jährigen gaben diesmal an, gewählt zu haben, bei einer Gesamtwahlbeteiligung von rund 75 %. Offenbar hatte 2008 das überdurchschnittliche Interesse an dieser Gruppe der Erstwählerinnen und Erstwähler- einen zusätzlichen Mobilisierungseffekt erzielt. Bei darauffolgenden Wahlen näherte sich die Wahlbeteiligung der Erstwählenden aber wieder dem Durchschnitt an.
Eine 2020 publizierte Analyse von Julian Aichholzer und Sylvia Kritzinger zum Thema „Wählen mit 16“, die vor allem die Daten der Nationalratswahlen 2013 und 2017 sowie von Landtags- und Gemeindewahlen heranzog, kam zu dem Schluss, dass die Senkung des Wahlalters in Österreich alles in allem positive Effekte erzielt hatte. Die Möglichkeit, bereits mit 16 Jahren zu wählen, habe zu einer höheren Wahlbeteiligung als erwartet geführt und auch das Vertrauen in die Demokratie gestärkt, so das Fazit der Forschenden.
Die Frage, ob sich daraus auch längerfristig eine höhere Wahlbereitschaft ergeben hatte, sahen Aichholzer und Kritzinger allerdings als noch offen an, auch wenn einige Untersuchungen in diese Richtung zu deuten schienen. Sie wiesen darauf hin, dass verschiedenste Faktoren auf die Wahlbeteiligung einwirken, etwa auch, wie wichtig eine Wahl eingeschätzt wird. Insgesamt sahen sie das Wahlverhalten dadurch geprägt, dass Wählen mit 16 unterdessen zur Normalität geworden war.
16- UND 17-JÄHRIGE GRUNDSÄTZLICH AN WAHLEN INTERESSIERT
Während Wählen mit 16 in Österreich also mittlerweile akzeptiert ist, ist die Senkung des Wahlalters in anderen Ländern weiterhin Gegenstand leidenschaftlicher politischer Debatten. In Großbritannien liegt das Wahlalter für Regionalwahlen in Schottland und Wales bereits bei 16. Die von der aktuellen Regierung angekündigte Senkung des Wahlalters auch für nationale Wahlen ist nach wie vor heftig umstritten. Die Befürworterinnen und Befürworter argumentieren auch hier unter anderem mit dem „first time voter effect“. Eine Untersuchung des Wahlverhaltens der jungen Schottinnen und Schotten kam 2024 etwa zum Schluss, dass das Erstwählen im Alter von 16 Jahren tatsächlich die Bereitschaft für eine Beteiligung an späteren Wahlen erhöhe. Die Ergebnisse deuten für die Forschenden zudem darauf hin, dass sich auch das politische Engagement bei einer Absenkung des Wahlalters insgesamt steigere.
Eine ebenfalls 2024 erfolgte Neuauswertung der verfügbaren AUTNES-Daten zu den österreichischen Wahlen durch das Team um Sylvia Kritzinger relativiert den „first time voter effect“ hingegen und dämpft allzu große Erwartungen. Das Team kam zu dem Schluss, dass die Senkung des Wahlalters in keinem größeren Ausmaß die erwarteten „positiven“ Ergebnisse gebracht hat, wie eine höhere Wahlbeteiligung oder eine Zunahme des politischen Wissens.
Allerdings lasse sich auch kein deutlich „negativer“ Effekt feststellen, wie die immer wieder befürchtete stärkere Hinwendung zu den extremen politischen Rändern. Kleinere Effekte seien zwar nicht auszuschließen, insgesamt seien aber noch weitere Forschungen notwendig, um die Frage zu beantworten, wie sich die Senkung des Wahlalters ausgewirkt hat – eher positiv, eher negativ, oder gar nicht.
Die Parlamentskorrespondenz hat dazu auch Wahlforscherin Julia Partheymüller vom Institut für Staatswissenschaft der Universität Wien befragt. Sie geht aufgrund der vorliegenden AUTNES-Daten davon aus, dass die Wahlbeteiligung vor allem durch die Art der Wahl geprägt ist sowie durch einen Lebenszyklus-Effekt. Hingegen sieht sie wenig Belege für ein starkes Habituierungsmuster, also die Annahme, dass die Wahlbeteiligung bei der Erstwahl einen „Gewöhnungseffekt“ bewirkt und so direkten Einfluss auf das spätere Wahlverhalten hat. Allerdings treffe weiterhin zu, dass 16- und 17-Jährige sich nicht seltener, sondern tendenziell sogar etwas häufiger an Wahlen beteiligen als die 18- und 19-Jährigen.
„POLITISCHE REIFE“ VON JUNGEN WÄHLERGRUPPEN
Mit der Senkung des Wahlalters waren nicht nur Erwartungen verknüpft. Es gab auch verschiedenste Bedenken. Weit verbreitet war etwa die Auffassung, dass 16-Jährigen politisches Wissen fehle. Man befürchtete eine Verzerrung von Wahlergebnissen, weil Erstwählende ihre Wahlentscheidungen möglicherweise schlecht informiert treffen würden. Ein weiteres häufig vorgebrachtes Argument gegen die Absenkung des Wahlalters war zudem der Zweifel an der „politischen Reife“ von 16-jährigen Jugendlichen.
Bei der Untersuchung der Nationalratswahl 2017 fokussierte sich die AUTNES-Studie speziell auf diese Fragen. Das Forschungsteam kam dabei zu der Schlussfolgerung, dass in Bezug auf politische Informiertheit und Partizipationswillen keine signifikanten Unterschiede zu den Wählerinnen zwischen 18 und 21 Jahren bestanden.Auch Untersuchungen aus Deutschland kommen keineswegs zu dem Schluss, dass Jugendlichen die politische Reife fehlen würde. In Österreichs Nachbarland wird seit längerem über die Vor- und Nachteile eines niedrigen Wahlalters diskutiert. Der „föderalistische Fleckerlteppich“ beim Wahlrecht schafft für einen Vergleich des Wahlverhaltens günstige Voraussetzung. Für nationale Wahlen gilt immer noch das Wahlalter 18. Brandenburg, Bremen, Hamburg und Schleswig-Holstein haben das Wahlalter für Landtagswahlen auf 16 gesenkt. Fünf deutsche Bundesländer erlauben hingegen nach wie vor das Wählen generell erst ab 18.
Vor diesem Hintergrund stellte das Forschungsteam Thorsten Faas, Anton Könneke und Arndt Leininger eine vergleichende Studie darüber an, wie sich ein früheres Wahlalter auf die Wahlbeteiligung und das politische Interesse der Jugendlichen auswirkt. Für den Vergleich konzentrierten sie sich auf Brandenburg, wo Wählen bereits mit 16 für den Landtag möglich ist, und auf Sachsen, wo das Wahlalter generell bei 18 liegt. In Brandenburg zeigte sich bei den Erstwählenden der Altersgruppe von 16 bis 17 Jahren eine markante Wahlbeteiligung, die deutlich über der Gruppe der 18- bis 20-Jährigen lag. Die Forschenden schlossen daraus, dass es tatsächlich möglich sei, Jugendliche über Schule und Elternhaus politisch zu mobilisieren. Bei älteren Jugendlichen falle dieser Effekt dann bereits weg.
Bei Kriterien wie „Interesse“, „Wissen“ und „Selbstwirksamkeit“ konnten die Forscher kaum Unterschiede zwischen den jüngsten Wahlberechtigten und älteren Jugendlichen oder jungen Erwachsenen feststellen. Daraus leitete das deutsche Forschungsteam ab, dass die jüngere Gruppe der Erstwählerinnen und Erstwähler sich in ihrer „politischen Reife“ nicht von den älteren Wahlberechtigten unterscheidet. Ihr Fazit ist, dass ihre Studie keine „zwingenden Gründe“ feststellen habe können, die gegen ein Wahlrecht ab 16 sprechen würden. Das entspricht auch dem bereits erwähnten Befund der Auswertung der AUTNES-Daten für Österreich.
SENKUNG DES WAHLALTERS – EIN OFFENES PROJEKT
Welches vorläufige Fazit lässt sich nun nach fast zwei Jahrzehnten Wählen ab 16 ziehen? Haben sich die Hoffnungen oder Befürchtungen, die daran geknüpft wurden, erfüllt, oder wurden sie enttäuscht? Aus den bisher vorliegenden Forschungsergebnissen lässt sich ableiten, dass sich zumindest die geäußerten Bedenken nicht bestätigt haben. Die Absenkung des Wahlalters hat keine negativen Auswirkungen auf den demokratischen Prozess. Nichts deutet für die Forscherinnen und Forscher etwa darauf hin, dass die Gruppe der jüngsten Wahlberechtigten in irgendeiner Weise „verantwortungslos“ mit ihrem Wahlrecht umgehen würden, oder dass jüngere Erstwählerinnen und Erstwähler politisch merklich „unreifer“ wären als ältere.
Allerdings scheinen sich die besonderen demokratiepolitischen Erwartungen, die an eine Herabsetzung des Wahlalters geknüpft wurden, nicht wirklich erfüllt zu haben. So wurde erwartet, dass eine Absenkung des Wahlalters auch langfristig zu einer deutlichen Stärkung der politischen Partizipation führen würde. Das scheint nur bedingt zuzutreffen. Ob Personen zur Wahl gehen, hängt von unterschiedlichen Faktoren ab. Lebensumstände und die Art der Wahl spielen eine wichtige Rolle. Auch die politische Bildung ist ein wichtiger Faktor für die Bereitschaft, sich in demokratische Prozesse einzubringen. Insgesamt zeigt sich in der Fachliteratur noch kein klarer Konsens, wie langfristig die beobachteten Effekte der Senkung des Wahlalters tatsächlich sind.
In vielen Ländern Europas dauert die Diskussion um das Wahlalter noch an. Ob die Vorteile oder Nachteile des Wählens mit 16 überwiegen, scheint dabei letztlich nicht nur eine Frage empirischer Befunde zu sein, sondern immer auch eine der politischen Beurteilung. Da die österreichischen Erfahrungen mit „Wählen ab 16“ alles in allem positiv bewertet werden, verwundert es nicht, dass Initiativen, die für die Senkung des Wahlalters eintreten, sich gerne auf das österreichische Beispiel berufen. Klar ist aber, dass die Absenkung des Wahlalters kein „Allheilmittel“ gegen Politikverdrossenheit ist. (Schluss) sox
HINWEIS: Unter dem Titel „teilhaben teilsein“ rückt das Parlament die gesellschaftspolitische Teilhabe von jungen Menschen in den Mittelpunkt. Mehr Informationen zum Jahresschwerpunkt 2026 finden Sie unter www.parlament.gv.at/jahresschwerpunkt.
————————-
Pressedienst der Parlamentsdirektion
Parlamentskorrespondenz
Tel. +43 1 40110/2272
pressedienst@parlament.gv.at
www.parlament.gv.at/Parlamentskorrespondenz
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS. www.ots.at
© Copyright APA-OTS Originaltext-Service GmbH und der jeweilige Aussender