Kinder und Jugendliche in der Psychiatrie: alarmierende Entwicklung

VertretungsNetz – Patientenanwaltschaft präsentiert Zahlen zu Unterbringungen

770 Patient:innen sind im Schnitt tagtäglich an einer psychiatrischen Station gegen bzw. ohne ihren Willen untergebracht. Basis dafür ist eine ärztliche Einschätzung, dass die Gesundheit der Betroffenen selbst oder anderer Menschen gefährdet ist.

Die Patientenanwaltschaft von VertretungsNetz vertritt und unterstützt Patient:innen, solange sie das Krankenhaus nicht verlassen dürfen, direkt vor Ort. Die Kliniken müssen jede Unterbringung an VertretungsNetz (bzw. in Vorarlberg an das Institut für Sozialdienste) melden, damit der gesetzlich vorgesehene Grundrechtsschutz des Unterbringungsgesetzes greifen kann.

2025 wurden knapp über 25.800 Unterbringungen an VertretungsNetz gemeldet. Das entspricht einem Anstieg um 3 Prozent im Vergleich zu 2024. 16.917 Personen waren betroffen.

REGIONALE UNTERSCHIEDE

Die Wahrscheinlichkeit einer psychiatrischen Unterbringung fällt regional unterschiedlich aus: Westliche Bundesländer, wo Unterbringungen überwiegend im geschlossenen Bereich vollzogen werden, verzeichnen höhere Unterbringungszahlen als östliche Bundesländer, in denen die Psychiatrie vornehmlich „offen“ – also ohne versperrte Türen geführt wird.

Dafür fällt die durchschnittliche Dauer einer Unterbringung im Westen kürzer aus: Durchschnittlich 7,8 Tage bleibt man z.B. in Salzburg und Tirol untergebracht, in Wien mit 13,77 Tagen fast doppelt so lang. Minderjährige Patient:innen werden rascher entlassen als Patient:innen anderer Altersgruppen. Insbesondere ältere Menschen warten manchmal sehr lang auf einen Pflegeplatz in einer betreuten Einrichtung.

KINDER UND JUGENDLICHE: ALARMIERENDER LANGZEITTREND

Die Lage im Kinder- und Jugendbereich bleibt prekär: Im Jahr der Covid-Pandemie 2020 stiegen die Unterbringungstage bei Minderjährigen sprunghaft an und blieben seither auf hohem Niveau. Im Vergleich zu 2019 zeigt sich eine Steigerung um 36 Prozent. Eine alarmierende Entwicklung – auch wenn die Unterbringungstage von Minderjährigen seit 2024 um 2 % auf 16.750 leicht gesunken sind. Die Zahl der minderjährigen Patient:innen stieg von 1.165 (2019) auf 1.305 (2025). Drei Viertel der 2025 untergebrachten Kinder und Jugendlichen sind Mädchen.

„Steigende Belastungen für Kinder und Jugendliche und viel zu geringe Ressourcen im niedergelassenen Bereich führen zu immer häufigeren Aufnahmen im Krankenhaus. Das seit Jahrzehnten nicht adäquat ausgestattete stationäre Angebot ist überlastet, und junge Patient:innen werden aufgrund des enormen Bettendrucks zu früh entlassen. Auch der soziale Empfangsraum ist oft nicht gut vorbereitet. Damit steigt das Risiko, dass erneut eine Aufnahme nötig ist“, schildert Bernhard Rappert, Fachbereichsleiter der Patientenanwaltschaft, die Drehtüreffekte.

Er fordert mehr Ressourcen für die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen vorzusehen, denn: „Die Entwicklung betrifft die Erwachsenen von morgen. Die Kosten, die auf das Gesundheitssystem zukommen, weil psychisch erkrankte Kinder und Jugendliche nicht ausreichend und adäquat behandelt werden, sind kaum abschätzbar“.

WEITERGEHENDE BESCHRÄNKUNGEN UND FIXIERUNGEN

Zusätzlich zu einer Unterbringung können Ärzt:innen sogenannte „weitergehende Beschränkungen“ anordnen. Patient:innen dürfen dann z.B. nicht nur die Station, sondern auch ein Zimmer nicht verlassen. Auch sedierende Medikamente und Gurtsysteme am Bett können zum Einsatz kommen. Diese Art der Beschränkung ist nicht selten:

Rund 35 % der Patient:innen wurde 2025 auf einen oder innerhalb eines Raumes beschränkt, rund ein Viertel wurde mit Gurten am Bett fixiert. Besonders bedenklich: Bei Kindern und Jugendlichen stieg der Anteil von Unterbringungen mit weitergehenden Beschränkungen von 19,5 (2019) auf 28 Prozent (2025), allein im Vergleich zum Vorjahr wurde ein Anstieg von 5 Prozent verzeichnet.

Auch bei Fixierungen gibt es große regionale Unterschiede: In Kärnten und Tirol werden Fixierungen bei einem höheren Anteil der Unterbringungen angewendet als etwa in Niederösterreich oder dem Burgenland. Doch warum schafft man es mancherorts, mit weniger Zwang auszukommen?

„Viele Zwangsmaßnahmen lassen sich durch ausreichendes Personal, professionelle Deeskalation und geeignete bauliche Strukturen vermeiden“, erklärt Rappert. Er appelliert an die Spitäler, sich zu dem Thema vermehrt auszutauschen.

Link: Jahresbericht VertretungsNetz 2025

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