
Mikroplastik: Gefühlte und echte Verursacher klaffen auseinander
Umfrage unter 450 Personen: Kleidung und Reifenabrieb werden als Hauptquellen erkannt, Verpackungen und Kosmetik als Mikroplastik-Verursacher deutlich überschätzt.
Das Thema Mikroplastik ist in den Köpfen angekommen, das genaue Wissen über die Ursachen aber nur teilweise. Das zeigt eine aktuelle Umfrage des _BÜNDNIS MIKROPLASTIKFREI_ unter 450 Personen. Rund vier von fünf der Befragten (80 Prozent) halten das Thema für „eher“ oder „sehr wichtig“, und fast alle haben sich zumindest ein wenig damit beschäftigt – nur rund vier Prozent noch gar nicht.
Bei den beiden größten Quellen liegt die Bevölkerung richtig: Gefragt, wo die größten Mengen an Mikroplastik entstehen (bis zu drei Nennungen möglich), landen synthetische Kleidung (78 Prozent) und der Abrieb von Autoreifen (57 Prozent) auf den ersten beiden Plätzen – also tatsächlich die zwei bedeutendsten Verursacher, aber in umgekehrter Reihenfolge. Nach der Konsortialstudie des Fraunhofer-Instituts UMSICHT (2018) stammt mehr als die Hälfte des in die Umwelt gelangenden Mikroplastiks aus dem Abrieb von Autoreifen – Platz eins mit großem Abstand. Auch synthetische Textilien zählen zu den größten Quellen; global entfallen laut IUCN-Studie (2017) rund 35 Prozent des primären Mikroplastiks in den Ozeanen auf sie.
Direkt dahinter folgen in den Umfrageergebnissen jedoch zwei Quellen, die wissenschaftlich kaum ins Gewicht fallen: Verpackungen (55 Prozent) und Kosmetik (43 Prozent). Kosmetik taucht in der wissenschaftlichen Mengenbilanz der Umsicht-Studie erst auf Rang 17 auf, und Verpackungen sind vor allem ein Problem des sichtbaren Plastikmülls – als Quelle winziger Mikroplastik-Partikel tragen sie wenig bei. Hier verschwimmt in der öffentlichen Wahrnehmung der sichtbare Müll mit den unsichtbaren Partikeln, um die es eigentlich geht.
Das Muster ist deutlich: Die Wahrnehmung richtet sich auf das Sichtbare und individuell Austauschbare – das Kleidungsstück, die Verpackung, das Kosmetikprodukt. Die tatsächlich größte Quelle, der Abrieb von Reifen und Straße, wird zwar von einer Mehrheit erkannt, aber unterschätzt und hinter der Kleidung eingereiht – obwohl er in den Emissionsbilanzen klar vorne liegt.
Isabelle Weigand, Geschäftsführerin des _BÜNDNIS MIKROPLASTIKFREI_, hält die Ergebnisse der Umfrage trotz der Fehleinschätzungen der Befragten für erfreulich: „Die Menschen sind alarmiert und liegen bei den großen Verursachern gar nicht so falsch. Aber sie richten den Blick auf das, was im Regal steht – dabei entsteht das meiste Mikroplastik dort, wo man es eben nicht sieht: auf der Straße. Diese Quelle bekämpft man nicht mit individuellem Verzicht, sondern mit politischen Rahmenbedingungen.“
Beim Reifenabrieb wird das Problem derzeit durch immer schwerer werdende Fahrzeuge verschärft. Elektroautos sind wegen ihrer Batterien im Schnitt deutlich schwerer als vergleichbare Verbrenner – und je schwerer ein Auto, desto mehr Reifenabrieb. Schätzungen reichen von rund 20 bis 50 Prozent höherem Verschleiß. Abriebärmere Reifen gibt es zwar bereits, doch bislang geht das häufig zulasten der Nasshaftung und damit der Verkehrssicherheit. Neue Materialien und Entwicklungen stellen sich genau dieser Herausforderung, sind jedoch noch nicht weit verbreitet.
Das _BÜNDNIS MIKROPLASTIKFREI_ fordert daher gesetzlich verbindliche Vorgaben für abriebarme Reifenmaterialien – als Pflicht, nicht als Empfehlung. Weigand betont: „Die ab Juli 2028 geltenden Euro-7-Grenzwerte für Reifenabrieb sind ein erster Schritt; sie müssen aber ehrgeizig genug ausfallen, um echte Materialinnovation zu erzwingen, und durch öffentliche Forschungsförderung flankiert werden, damit geringerer Abrieb und Fahrsicherheit gemeinsam erreichbar werden. Diesen Druck und die nötige Planungssicherheit schafft nur der Gesetzgeber, nicht der Markt allein.“
Doch auch jenseits des Reifenabriebs sehen die Befragten Handlungsbedarf: 37 Prozent wünschen sich einfache Alternativen im Alltag, gut ein Viertel (26 Prozent) ausdrücklich mehr Vorgaben und Regeln. „Die Antworten zeigen deutlich: Es besteht ein breites Problembewusstsein für Mikroplastik – und der Wunsch danach, das Problem zu lösen. Aber die harte Wahrheit ist: Das kann nicht nur auf der individuellen Ebene funktionieren. Auf die eine oder andere Autofahrt oder den Kauf von Polyester-Kleidung zu verzichten ist zwar gut, aber im großen Ganzen ändert es zu wenig. Der Fokus muss auf die großen Hebel verschoben werden: Klarere Regelungen bei Reifenabrieb und Fast Fashion müssen auf der politischen Prioritätenliste nach oben wandern“, sagt Weigand abschließend.
Zu den Ergebnissen der Umfrage: Umfrageergebnisse_Woher-kommt-Mikroplastik-wirklich_2026.pdf
ZUR UMFRAGE Online-Umfrage des _BÜNDNIS MIKROPLASTIKFREI_, 450 Teilnehmende, Erhebungszeitraum Mai – August 2026. Die Umfrage erhebt keinen Anspruch auf Repräsentativität; die Teilnehmenden sind überdurchschnittlich gebildet (rund 50 Prozent mit abgeschlossener akademischer Ausbildung) und mehrheitlich zwischen 40 und 59 Jahre alt.
bündnis mikroplastikfrei
Mag. Ricky Losmann-Hartl, MSc.
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