
TFA im Grundwasser: GLOBAL 2000 dokumentiert Versäumnisse des Landwirtschaftsministeriums
Beunruhigende Daten, verharmlosende Kommunikation: Parlament kann Minister binden
Heute stellt Landwirtschaftsminister Totschnig im Agrarausschuss den Grünen Bericht 2026 vor. Als größte Pestizidbelastung des Grundwassers nennt der Bericht ein Abbauprodukt des Unkrautvernichters Dimethachlor. Die mit Abstand größte Belastung fehlt: die Ewigkeitschemikalie TFA, die unter anderem als Abbauprodukt von PFAS-Pestiziden freigesetzt wird.
„Das ist nur das jüngste von mehreren Beispielen, in denen das Ministerium entscheidende Informationen über Anstieg und Ausmaß der TFA-Belastung nicht darstellt. Die wachsende Bedrohung unserer Trinkwasserressourcen bleibt dem Parlament und der Öffentlichkeit damit verborgen. Dieses Muster hat uns veranlasst, das Versagen des Ministeriums im Umgang mit der TFA-Belastung des Grundwassers in einer Dokumentation aufzuarbeiten und dem Parlament zu übergeben“, sagt GLOBAL 2000-Umweltchemiker Helmut Burtscher-Schaden.
Wie groß die Lücke ist, zeigen die Daten der staatlichen AGES. Sie bewertet beide Abbauprodukte als gesundheitlich relevant, für beide gilt somit im Grundwasser derselbe Grenzwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter (µg/L). Das im Grünen Bericht genannte Dimethachlor-Abbauprodukt lag im amtlichen Monitoring 2018 bis 2022 an etwa jeder fünfzehnten Messstelle darüber, TFA an praktisch jeder: an 98,9 Prozent der untersuchten Messstellen. 2024 erreichte TFA im Mittel das 24-Fache des Grenzwerts.
AMTLICHE KOMMUNIKATION MACHT DEN ANSTIEG UNSICHTBAR
Auch der Wassergütebericht, den das Ministerium im Juli veröffentlicht hat, lässt Entscheidendes weg. Er stellt die 2024 gemessene TFA-Belastung zwar dar. Dass Österreich bereits 2018/19 eine vergleichbare Messserie durchgeführt hatte, erwähnt er jedoch nicht.
„Damit bleibt unsichtbar, dass sich die Belastung mit dieser gefährlichen Ewigkeitschemikalie im österreichischen Grundwasser in nur fünf Jahren mehr als verdoppelt hat – und dass sich der Anstieg nach allen verfügbaren Daten beschleunigt“, sagt Burtscher-Schaden.
Noch problematischer ist die Kommunikation der staatlichen AGES, deren Eigentümerrechte das Landwirtschaftsministerium gemeinsam mit dem Gesundheitsministerium wahrnimmt. Statt des Mittelwerts der aktuellen Messserie von 2,4 µg/L nennt sie auf ihrer TFA-Informationsseite einen Mittelwert über sämtliche Proben seit 2018: 1,4 µg/L. Diese Darstellung verschleiert sowohl den steilen Anstieg als auch das aktuelle Ausmaß der Belastung.
GESUNDHEITSRISIKO WIRD VERHARMLOST
Gleichzeitig verschwanden mit dem letzten Update der AGES-Seite der bislang strengste gesundheitlich abgeleitete Trinkwasser-Richtwert Europas – der niederländische Wert von 2,2 µg/L – und die Empfehlung, TFA weiterhin als relevanten Metaboliten zu behandeln. Außerdem relativiert die AGES die gesundheitliche Bedeutung von TFA mit Vergleichen, die mit einer wissenschaftlichen Risikobewertung unvereinbar sind, um dann zu schlussfolgern, TFA stelle „kein Gesundheitsrisiko für die Menschen“ dar, sondern sei „ein Umweltproblem“. Die EU-Agenturen bewerten TFA dagegen inzwischen deutlich strenger.
„Der zuständige Ausschuss der Europäischen Chemikalienagentur ECHA empfiehlt, TFA als fortpflanzungsgefährdend einzustufen. Die Lebensmittelbehörde EFSA hat die tolerierbare tägliche Aufnahmemenge um mehr als 70 Prozent gesenkt“, so Burtscher-Schaden.
ÖSTERREICH BREMST BEIM EU-VERBOT EINES PFAS-PESTIZIDS
Ende 2024 schlug die EU-Kommission vor, die Genehmigung des PFAS-Pestizids Flutolanil nicht zu verlängern. Grund waren ungeklärte Risiken durch TFA im Grundwasser und in landwirtschaftlichen Erzeugnissen. Von Österreich gab es keine Unterstützung für das Pestizidverbot. Stattdessen stimmte das Landwirtschaftsministerium einer technischen Verlängerung der Genehmigung bis zum 15. Juni 2027 zu. Sein Abstimmungsverhalten legte Landwirtschaftsminister Totschnig erst im Oktober 2025 auf eine parlamentarische Folgeanfrage hin offen und begründete es so: Die Kommission gehe davon aus, „dass Flutolanil TFA freisetzt und dieses aufgrund seiner hohen Persistenz und Mobilität in das Grundwasser gelangt. Ob dies in weiterer Folge aber zu einer Überschreitung des regulatorischen Grenzwerts von 0.1 µg/l, der formal für jede einzelne Indikation gilt, führt, ist nicht angegeben und auch nicht bekannt.“
„Der Minister schützt Pestizidzulassungen statt unser Grundwasser. Damit stellt er die Vorsorge auf den Kopf: TFA liegt längst flächendecken über dem Grenzwert – trotzdem verlangt er den Nachweis, dass jede einzelne Pestizidanwendung für sich diesen Grenzwert überschreitet“_,_ kommentiert Burtscher-Schaden.
NATIONALRAT KANN MINISTER IN BRÜSSEL BINDEN
Bei konkreten EU-Vorhaben kann der Nationalrat dem zuständigen Minister nach Art. 23e B-VG eine verbindliche Position vorgeben und damit auch Österreichs Haltung bei EU-Entscheidungen über Pestizidwirkstoffe festlegen, wie die bindende Stellungnahme zu Glyphosat aus dem Jahr 2017 zeigt. GLOBAL 2000 ersucht die Abgeordneten, diese Möglichkeit zum Schutz unserer wichtigsten Trinkwasserressource auch bei künftigen EU-Entscheidungen über TFA-bildende Pestizide in Anspruch zu nehmen. Außerdem verlangt GLOBAL 2000 die Überprüfung der in Österreich zugelassenen TFA-bildenden Pestizide sowie die vollständige Offenlegung der TFA-Messdaten.
Hier geht’s zur Dokumentation „TFA im Grundwasser – Beunruhigende Daten, verharmlosende Kommunikation, ausbleibende Konsequenzen“
GLOBAL 2000 Umweltchemiker
Dr. Helmut Burtscher-Schaden
Telefon: +43 699 14 2000 34
E-Mail: helmut.burtscher@global2000.at
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