Nachhaltigkeit ist eine Entscheidung: Welche Rolle spielen Politik, Bauchgefühl und KI?

Professorinnen der Interdisciplinary Transformation University (IT:U) erforschen menschliches Entscheidungsverhalten und Potenzial von KI, dabei sinnvoll und sicher zu unterstützen

EIN HINWEIS AUF EINER SPEISEKARTE, EINE STEUER AUF BENZIN ODER DER RAT EINES KI-AGENTEN SCHEINEN AUF DEN ERSTEN BLICK NICHT ZUSAMMENZUHÄNGEN, DOCH ALL DAS KANN MENSCHEN HELFEN, BESSERE UND NACHHALTIGERE ENTSCHEIDUNGEN ZU TREFFEN. BEI IHRER ANTRITTSVORLESUNG AN DER IT:U ZEIGTEN PROFESSORIN ELISABETH GSOTTBAUER UND ASSISTENZ-PROFESSORIN KIMBERLY GARCIA, WIE DIGITALE WERKZEUGE UND POLITISCHE KOMMUNIKATION UNSERE ALLTÄGLICHEN ENTSCHEIDUNGEN BEEINFLUSSEN.

Wie Menschen Entscheidungen treffen und was sie beeinflusst, ist eine zentrale Frage für die Gestaltung gesellschaftlicher Transformation. Die IT:U in Linz setzt als Universität für Transformation deshalb auf interdisziplinäre Forschung, die KI und digitale Technologien mit gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Fragestellungen verbindet.

„Die Zukunft zu gestalten, gelingt nicht allein durch neue Technologien. Entscheidend ist auch, zu verstehen, wie Menschen mit ihnen umgehen und wie wir sie vorteilhaft für Gesellschaft und Wirtschaft einsetzen können. Gleichzeitig lassen sich die großen Herausforderungen unserer Zeit nicht aus einer einzelnen Disziplin heraus lösen. Die Forschung von Elisabeth Gsottbauer und Kimberly Garcia zeigt, wie wichtig es ist, technologische und gesellschaftliche Perspektiven zusammenzudenken, um Transformation aktiv zu gestalten“, fasst IT:U Gründungspräsidentin Stefanie Lindstaedt zusammen.

NACHHALTIGE ENTSCHEIDUNGEN GESTALTEN

Elisabeth Gsottbauer, Professorin für den Einsatz von KI und maschinellem Lernen in der Nachhaltigkeitspolitik an der IT:U, prüft, warum manche politische Maßnahmen Menschen zu Verhaltensänderungen bewegen, während andere kaum Wirkung zeigen. „Politische Maßnahmen wollen Sie bewegen. Ob mit Preisen, Regulierung oder Information: Das Ziel ist immer, Menschen in eine bestimmte Richtung zu lenken. In meiner Forschung untersuche ich, ob diese Maßnahmen tatsächlich wirken. Wenn nicht, teste ich alternative Ansätze, um herauszufinden, wie wir sie wirksamer gestalten können“, erklärt sie.

In ihrer Antrittsvorlesung stellte Gsottbauer ein Beispiel in Westafrika vor, das zeigt, wie wirksame Umweltpolitik aussehen kann: Gemeinden erhielten Zahlungen dafür, den Regenwald vor Ort zu schützen. Mithilfe von Satellitenbildern und Daten aus mehr als zehn Jahren konnten sie und ihre Kolleg:innen nachweisen, dass die finanziellen Anreize die Abholzung tatsächlich verringerten und so zum Schutz der Umwelt beitrugen.

WENIG WIRKUNG, ÜBERRASCHENDER NEBENEFFEKT

Andere Ansätze zeigten hingegen nur begrenzte Wirkung. So versuchte Gsottbauers Forschungsteam, Gäste durch CO₂-Kennzeichnungen auf Speisekarten zu nachhaltigeren Essensentscheidungen zu bewegen. Die Angaben machten sichtbar, wie stark die einzelnen Gerichte das Klima belasten. Doch die Reaktion der Gäste fiel verhalten aus: _„Wir haben festgestellt, dass die Nachfrage nach Gerichten mit hohem CO₂-Fußabdruck nur um ein bis zwei Prozent zurückging“_, berichtet Elisabeth Gsottbauer.

Interessanterweise zeigte sich jedoch ein anderer Effekt: Einige Restaurants nahmen besonders CO₂-intensive Gerichte von der Speisekarte. Auch wenn es dafür bislang nur vereinzelte Hinweise gibt, deutet dies darauf hin, dass politische Maßnahmen für mehr Nachhaltigkeit nicht nur das Verhalten einzelner Menschen beeinflussen können, sondern auch Entscheidungen von Unternehmen und damit das Angebot, aus dem Konsument:innen wählen.

WENN TECHNOLOGIEN BEGINNEN, ENTSCHEIDUNGEN ZU TREFFEN

Nicht nur Politik, auch Technologie beeinflusst zunehmend, wie Menschen Entscheidungen treffen. „Wir haben das Grundprinzip von Computern verändert. Früher waren sie deterministisch. Man wusste also, welche Antwort eine Maschine geben würde. Heutzutage funktioniert das mit generativer KI nicht mehr. KI ist mächtig, halluziniert aber auch“, erklärt Kimberly Garcia, Assistenzprofessorin für intelligente Systeme und nachhaltige Industrie an der IT:U.

Sie erforscht, wie sich moderne KI mit klassischen, regelbasierten Systemen kombinieren lässt, um sie sicherer und zuverlässiger zu machen. Möglich wurde der rasante Fortschritt generativer KI durch leistungsfähige Computer und die riesigen Datenmengen, die im Laufe der vergangenen Jahrzehnte durch Beiträge, geteilte Inhalte und Interaktionen im Internet und in sozialen Medien entstanden sind. Auf dieser Grundlage konnten immer leistungsfähigere KI-Modelle trainiert werden. Die zentrale Frage ist nun, wie sich diese Systeme sicher einsetzen lassen, insbesondere dort, wo Fehler schwerwiegende Folgen haben können, etwa in der Medizin._ „Wir können nicht blind einem System vertrauen, das uns sagt: ‚Sie haben zu 95 Prozent Krebs‘, denn die fehlenden fünf Prozent machen einen großen Unterschied“_, stellt sie klar.

EIN VERTRAUENSWÜRDIGER BEGLEITER

Eine mögliche Anwendung für solche sicheren KI-Systeme ist ein digitaler Begleiter, der mit der intelligenten Technik in Wohnungen oder am Arbeitsplatz zusammenarbeitet. Erste Prototypen gibt es bereits. _„In einer solchen Umgebung könnte ein System beispielsweise wissen, wie sich die Beleuchtung oder der Thermostat steuern lassen. Mein persönlicher digitaler Begleiter könnte dann mit dieser intelligenten Umgebung verhandeln, um den Raum gemeinsam an meine Bedürfnisse anzupassen“_, erklärt Garcia. Entscheidend sei dabei, dass die Menschen die Kontrolle behalten, sowohl über die Entscheidungen als auch über ihre persönlichen Daten.

Beide Antrittsvorlesungen machten deutlich, dass es bei der Gestaltung wirksamer Lösungen nicht allein darum geht, Systeme zu entwickeln, sondern auch darum, die Menschen zu verstehen, die sie nutzen. Ob in der Nachhaltigkeitspolitik oder bei intelligenten Technologien: Entscheidend ist, wie Lösungen in der Praxis funktionieren, wie Menschen darauf reagieren und ob sie tatsächlich Veränderungen bewirken.

Interdisciplinary Transformation University (IT:U)
Dr. Daniel Cracau
Telefon: +43 676 / 85 13 07 360
E-Mail: daniel.cracau@it-u.at

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