
wiiw-Herbstprognose: Osteuropas Wachstum trotzt allen Widrigkeiten
Neues Wachstumsmodell in den CEE-Staaten, Ukraine mit dem Rücken zur Wand, Russland spürt den Krieg; positive Impulse für Österreichs Wirtschaft
Trotz des Energiepreisschocks durch den Iran-Krieg und der aktuellen geopolitischen Verwerfungen zeigt sich die Konjunktur in Mittel-, Ost- und Südosteuropa erstaunlich widerstandsfähig. Die Entwicklung verläuft aber zweigeteilt und sehr länderspezifisch. Das zeigt die neue Herbstprognose des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) für 23 Länder der Region.
Während etwa Rumänien oder die Slowakei unter hohen Budgetdefiziten und der Schwäche der deutschen Autoindustrie leiden, boomen Polen, Kasachstan und die Westbalkanstaaten. Die Kriegsgegner Russland und die Ukraine wachsen dagegen kaum noch.
In den östlichen EU-Mitgliedstaaten vollzieht sich ein grundlegender Wandel des Wachstumsmodells weg von der „verlängerten Werkbank“ für westliche Industriekonzerne, die dort günstig produzieren, hin zu einem Wachstum, das auf Produkten und Dienstleistungen mit höherer Wertschöpfung, starkem Privatkonsum und öffentlichen Investitionen basiert.
„Länder, die auf Technologie und mehr Produktivität setzen, etwa durch Automatisierung und Digitalisierung, haben auch weiterhin gute Chancen, wirtschaftlich zu reüssieren. Polen und zu einem gewissen Grad auch Tschechien zeigen vor, wie es geht“, sagt Richard Grieveson, stellvertretender Direktor des wiiw und Hauptautor der Prognose, und verweist auf die polnische Hightechindustrie, die im vergangenen Jahrzehnt um rund 40% gewachsen ist.
Von der langsamen Erholung Deutschlands dürfte die Region aber nicht mehr so stark wie in der Vergangenheit profitieren. Die dortigen Wachstumstreiber sind neuerdings nämlich die Bereiche Rüstung und Infrastruktur – also Sektoren, in die die ostmitteleuropäische Wirtschaft weniger stark integriert ist als in die bislang dominierende Auto- und Maschinenbauindustrie. „Investitionen in Ostmitteleuropas Verteidigungsindustrie und der Zufluss von EU-Geldern wirken sich aber klar positiv auf das Wirtschaftswachstum aus“, so Grieveson.
Auch die härtere Gangart der EU im Handelsstreit mit China schlägt sich nieder. Einerseits könnte die mit der harten chinesischen Konkurrenz kämpfende Industrie in der Region – allen voran die stark mit Deutschland verflochtene Automobilindustrie – durch mehr EU-Protektionismus eine Atempause bekommen. Andererseits dürften chinesische Direktinvestitionen und der Import chinesischer Vorprodukte schwieriger und teurer werden.
Unterm Strich prognostiziert das wiiw den östlichen EU-Mitgliedern für 2026 ein Wachstum von durchschnittlich 2,2% und lässt seine Prognose aus dem Sommer damit unverändert. 2027 sollte es leicht auf 2,5% anziehen, was einer minimalen Revision nach oben um 0,1 Prozentpunkte entspricht. Somit dürften die EU-Staaten der Region sowohl heuer als auch im nächsten Jahr mehr als doppelt so stark wachsen wie die Eurozone (2026: 0,9%; 2027: 1%) und ihren wirtschaftlichen Aufholprozess fortsetzen können. Eine negative Ausnahme stellt Rumänien dar, das aufgrund seines strikten Sparkurses heuer eine leichte Rezession (-0,4%) sehen wird. Spitzenreiter beim Wachstum unter den östlichen EU-Mitgliedern ist erneut Polen mit 3,7% in diesem und 3% im nächsten Jahr.
Ungarn, das im Frühjahr die autoritäre Herrschaft von Langzeitpremier Viktor Orbán abschütteln konnte, erlebt einen wirtschaftlichen Aufbruch und wird heuer mit 1,7% und 2027 mit 2,6% wachsen. Bemerkenswert ist der große Vertrauensvorschuss von Investoren gegenüber der neuen Regierung von Premierminister Péter Magyar, der sich in der starken Aufwertung der Landeswährung Forint und den stark rückläufigen Renditen für Ungarns Staatsanleihen widerspiegelt.
Die sechs Staaten am Westbalkan werden 2026 um durchschnittlich 3,2% expandieren und 2027 mit 3,3%. Serbien, wo am 25. Oktober ein neues Parlament gewählt wird und Ex-Präsident Aleksandar Vučić das Amt des Premierministers anstrebt, dürfte 2026 mit 3,3% und 2027 um 3,4% wachsen. Vergleichsweise gut läuft es auch in der Türkei mit einem voraussichtlichen Wachstum von heuer 2,9% und 3,5% im kommenden Jahr, auch wenn das wiiw seine Prognose für beide Jahre um jeweils 0,4 Prozentpunkte gesenkt hat.
UKRAINE MIT DEM RÜCKEN ZUR WAND
Die wirtschaftliche Lage der Ukraine spitzt sich dagegen zu. „Russlands massive Luftangriffe und die damit verbundenen Zerstörungen von Energieanlagen, kritischer Infrastruktur und Verladeeinrichtungen am Schwarzen Meer sowie die Blockade der Häfen treffen die Wirtschaft immer härter“, sagt Olga Pindyuk, Ukraine-Expertin des wiiw.
Das wiiw hat deshalb seine Wachstumsprognose für 2026 auf 0,6% gesenkt, eine Abwärtsrevision um 0,4 Prozentpunkte gegenüber dem Sommer. Für 2027 rechnet das wiiw noch mit einem Wachstum von 2,1% (ebenfalls 0,4 Prozentpunkte weniger als im Sommer prognostiziert), allerdings nur unter der Voraussetzung, dass die Ukraine weiterhin ausreichende finanzielle und militärische Unterstützung aus dem Ausland erhält. Dies erscheint jedoch zunehmend ungewiss.
„Der fünfte Kriegswinter dürfte die Ukraine vor eine harte Bewährungsprobe stellen. Sie kann sich gegen die immer zahlreicheren ballistischen Raketen und Drohnen aus Russland durch den Mangel an Flugabwehrraketen immer schlechter verteidigen. Angesichts der geringen militärischen Erfolge an der Front setzt Putin jetzt vor allem darauf, die ukrainische Zivilbevölkerung zu terrorisieren“, meint Pindyuk.
Besonders schwer trifft die Zerstörung der Exportinfrastruktur des Landes die so wichtige Landwirtschaft. Im August sanken die Getreideexporte gegenüber dem Vormonat um 70%. Auch die Stahlindustrie leidet massiv. Einige Werke mussten ihre Produktion vorübergehend einstellen. Dazu kommt eine hohe Inflation von heuer rund 10%, was die ukrainische Zentralbank zu einer Erhöhung der Leitzinsen auf 16% veranlasste. Kredite für Unternehmen und Haushalte sind damit teuer, was die Wirtschaft zusätzlich bremst.
Die wirtschaftlichen Schäden schlagen über geringere Steuereinnahmen und höhere Ausgaben auch unmittelbar auf den Staatshaushalt durch, der sich ohnehin in einer argen Schieflage befindet. Nach Angaben des ukrainischen Finanzministeriums klafft für 2027 noch eine Finanzierungslücke von rund 33 Milliarden US-Dollar.
RUSSLANDS WIRTSCHAFT SPÜRT DEN KRIEG
Auch Aggressor Russland kämpft zunehmend mit den Folgen seines Angriffskrieges gegen die Ukraine und kommt wirtschaftlich kaum vom Fleck. Für 2026 prognostiziert das wiiw dem Land ein minimales Wachstum von 0,6%, das 2027 leicht auf 1,3% anziehen dürfte. Damit behält das wiiw seine Prognose aus dem Sommer bei.
Die ukrainischen Drohnenangriffe auf russische Raffinerien führten zu einer veritablen Treibstoffkrise im ganzen Land und dürften heuer laut Schätzungen der russischen Zentralbank bis Jahresende zu einem Anstieg der Inflation um 1,5 Prozentpunkte gegenüber der Vergleichsperiode des Vorjahres führen. Das veranlasste die Zentralbank dazu, die weitere Senkung der aktuell bei 14% liegenden Leitzinsen vorerst auszusetzen.
„Bei der geldpolitischen Lockerung eine Pause einzulegen, ist der Erholung Russlands natürlich abträglich, weil die hohen Zinsen die Wirtschaftsaktivität beeinträchtigen. Insofern haben die ukrainischen Drohnenattacken einen sehr konkreten negativen Effekt auf das russische Wachstum“, konstatiert Vasily Astrov, Russland-Experte des wiiw.
Durch die Treibstoffengpässe sah sich die russische Regierung auch gezwungen, Exportverbote für Benzin, Diesel und Kerosin zu verhängen, wodurch Moskau auch weniger stark von den hohen Weltmarktpreisen für fossile Energieträger durch den Iran-Krieg profitieren konnte. „Es bleibt daher abzuwarten, wie viel Diesel Russland im Zuge des Deals zwischen US-Präsident Trump und Präsident Putin wirklich auf den Weltmarkt bringen kann“, so Astrov.
Negativ wirken sich auch die westlichen Sanktionen aus, da sie hochwertige Investitionsgüter wie Maschinen zur Mangelware machen und damit das langfristige Wachstumspotenzial untergraben. Vor diesem Hintergrund sanken die Anlageinvestitionen im ersten Halbjahr in Russland um rund 10_%. _„Die geringen Investitionen in neue Produktionskapazitäten sind eines der größten Probleme der russischen Volkswirtschaft“, so Astrov. Ihr Krebsgang macht sich trotz Arbeitskräftemangels in vielen Bereichen zum ersten Mal seit längerer Zeit auch wieder in Form einer leicht steigenden Arbeitslosigkeit bemerkbar.
Die hohen Ausgaben für den Krieg gegen die Ukraine belasten auch den Staatshaushalt und werden 2026 zu einem Budgetdefizit von über 3% der Wirtschaftsleistung führen. Für 2027 plant die Regierung Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen, von denen der Verteidigungsetat und Sozialleistungen allerdings ausgenommen werden sollen. „Auch im nächsten Jahr wird Präsident Putin keinerlei Probleme haben, den Krieg gegen die Ukraine zu finanzieren, weil die russische Staatsverschuldung im internationalen Vergleich sehr niedrig ist und man sich weiterhin Geld bei inländischen Banken leihen kann“, analysiert Astrov.
POSITIVE WACHSTUMSIMPULSE FÜR ÖSTERREICH
Österreichs Wirtschaft kann angesichts der guten Konjunkturentwicklung in weiten Teilen der Region mit positiven Wachstumsimpulsen aus Osteuropa rechnen. Der Beitrag zum österreichischen BIP-Wachstum, der über Exporte in die Region entsteht, dürfte von rund 0,12 Prozentpunkten heuer auf 0,16 Prozentpunkte im Jahr 2028 steigen. Insbesondere die für Österreich wichtigen vier Visegrád-Staaten Polen, Tschechien, Slowakei und Ungarn sowie Slowenien werden heuer und im nächsten Jahr mit durchschnittlich 2,8% rund dreimal so stark wachsen wie die Eurozone (2026: 0,9%; 2027: 1%) und damit die schwache heimische Konjunktur stützen. Von den positiven Wachstumsimpulsen, die Österreich aus der Region erhält, werden heuer 53% auf diese Ländergruppe entfallen. Bis 2028 dürfte dieser Anteil allerdings auf 44% sinken.
Das liegt auch an der besseren wirtschaftlichen Entwicklung in Südosteuropa, dessen Bedeutung für die heimische Wirtschaft weiter zunehmen dürfte. Die sechs Westbalkanstaaten Albanien, Bosnien-Herzegowina, Kosovo, Montenegro, Nordmazedonien und Serbien legen mit einem durchschnittlichen Wachstum von über 3% heuer und im nächsten Jahr eine besonders starke Dynamik an den Tag.
Die Bedeutung Osteuropas für die heimische Wirtschaft spiegelt sich auch in der österreichischen Exportstatistik wider. Während die Warenexporte in die USA in den ersten sieben Monaten 2026 um 6,5% schrumpften, legten die Ausfuhren in sämtliche osteuropäischen EU-Mitgliedstaaten mit Ausnahme Rumäniens und Sloweniens zu. Besonders kräftig wuchsen die Exporte in die Ukraine (+23,7%), nach Litauen (+14,2%) und Kroatien (+10,8%). Auch die Ausfuhren nach Polen stiegen um 6,5%, während die österreichischen Warenexporte insgesamt um 5,7% expandierten.
Auch im Tourismus gewinnt die Region an Bedeutung. Im ersten Halbjahr 2026 stiegen Österreichs Einnahmen aus dem internationalen Reiseverkehr insgesamt um 5,1%. Besonders dynamisch entwickelten sich die Einnahmen aus dem Tourismus bei Gästen aus der Türkei (+16,9%), Ungarn (+10,9%), Kroatien (+10,3%) und Polen (+9,9%). Ungarn, Tschechien und Polen sind für Österreichs Tourismus mittlerweile wichtigere Herkunftsländer als Frankreich oder Belgien.
Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw)
Mag. Andreas Knapp
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