CICERO, Papst Gregor und die Mindestsicherung (neu)

Ein Denkanstoß für das österreichische Bildungsbürgertum. Von Erich Holfeld

Salzburg (OTS) – Im österreichischen Bildungsbürgertum gibt es,
vereinfacht gesagt, vier politisch zuordenbare Gruppen: Die
bürgerlich-konservative (ÖVP-nahe), die deutschnationale (arminische
und germanische Burschenschafter, FPÖ-nahe), die sozialdemokratisch
geprägte und, als jüngste Gruppe, die grün-alternative. Darüber
hinaus auch viele, die sich nicht parteipolitisch einordnen lassen
(würden).

Ich wollte nun wissen, was eine Frau, die man ob ihrer
Lebensumstände eher im bürgerlich-konservativen Lager verorten würde,
zu den von Türkis/Blau beabsichtigten Änderungen bei der
Mindestsicherung sagt. Diese äußerst gebildete Dame ist Germanistin
und Altphilologin. Mit Sicherheit keine „Links-linke“ oder
„Links-grüne“. Sie schrieb mir:

„In meiner Wahrnehmung verfehlen die aktuellen
Mindestsicherungsvorhaben gleich drei der von Cicero als für einen
Menschen wie für eine Gesellschaft als unabdingbar genannten vier
Kardinal-(=“Türangel“-)Tugenden. Ich sehe da weit und breit weder

IUSTITIA=Gerechtigkeit, noch

TEMPERANTIA=das Maß Halten, noch

SAPIENTIA/PRUDENTIA=Weisheit/Klugheit. Zur vierten Tugend,

FORTITUDO=Tapferkeit: Besonders mutig ist es nicht, z. B.
ausgerechnet gegen die Zielgruppe der Mindestsicherungsempfänger
Stimmung zu machen…

(Anm.: Cicero erfindet diese Tugend-Liste übrigens nicht, er
tradiert vielmehr Aischylos [Vers 610 aus „Sieben gegen Theben“],
Plato und Aristoteles).

Das frühe Christentum hat die vier von Cicero genannten Tugenden
einfach übernommen (so zum Beispiel Ambrosius im 4. Jahrhundert n.
Chr. Auf seine Schrift DE OFFICIIS MINISTRORUM geht auch der Begriff
VIRTUTES CARDINALES=Kardinaltugenden zurück, den er synonym mit
VIRTUTES PRINCIPALES=Haupttugenden verwendet). Papst Gregor I
(540-604) hat den vier Kardinaltugenden die drei gottbezogenen
Tugenden hinzugefügt:

FIDES=Glaube,

CARITAS=Liebe und

SPES=Hoffnung.“ Ende des Zitats.

Was hindert die Bildungsbürger*innen daran, die Regierenden an
diesen (Kardinal-)Tugenden zu messen? Und wenn die Kluft zur Realität
zu groß ist, dagegen aufzustehen? Eine Zivilgesellschaft braucht
Zivilcourage, vor allem jene der Bildungseliten. Wenn sie die nicht
hat, wird sie schon bald in einer Staatsform aufwachen, die CICERO
verachtet hätte.

Erich Holfeld
Freier Journalist,
Medien- und Kommunikationsberater
erich.holfeld@gmail.com
+43-676-655 4080

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS. www.ots.at
© Copyright APA-OTS Originaltext-Service GmbH und der jeweilige Aussender