
Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 11. März 2020. Von MARIO ZENHÄUSERN. „Maßnahmen sind alternativlos“.
Innsbruck (OTS) – Das Coronavirus bringt die Gesundheitssysteme an die Grenzen ihrer Kapazität. Um einen Kollaps wie in Oberitalien zu verhindern, sind auch harte Schritte gerechtfertigt. Eine bessere Koordination würde aber vielen vieles erleichtern.
Kein Grund zur Panik, wir haben alles unter Kontrolle. Wie ein Mantra wiederholten Politiker in aller Herren Länder in der Vergangenheit diese Formulierung, wenn sie über ihre Versuche sprachen, die Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern oder zumindest zu verlangsamen. Gleichzeitig verordneten und verordnen sie rigorose Maßnahmen, die genau das Gegenteil bewirkten. Permanente Kontrollen an den Grenzen, Einreiseverbote, Absagen von sportlichen, gesellschaftlichen oder kulturellen Großveranstaltungen und Sperrzonen tragen nicht wirklich dazu bei, Nervosität und Hysterie zu verhindern. Ganz im Gegenteil. Wenn ein Land wie Italien mit seinen mehr als 60 Millionen Einwohnern plötzlich unter Quarantäne gestellt wird, dann ist das alles andere als vertrauensbildend. Auch außerhalb Italiens.
So hart und einschneidend die zuletzt auch in Österreich und Tirol getroffenen Maßnahmen sind und so sehr sie dem nach wie vor aufrechten Wunsch, keine Panik entstehen zu lassen, zuwiderlaufen:
Sie sind wohl alternativlos. Nicht weil dadurch das Coronavirus erfolgreich bekämpft werden könnte – dieser Zug ist längst abgefahren. Nein, es geht darum, die Ausbreitung der Krankheit zu verlangsamen und die Zahl der Neuinfektionen zu reduzieren, damit die Gesundheitssysteme sich einstellen und für den Ernstfall vorbereiten können. Das Beispiel Oberitalien zeigt derzeit leider mit aller Brutalität, was passieren kann, wenn die Spitalsambulanzen von einem Tag auf den anderen von Hunderten Infizierten überrannt werden und dann kollabieren.
Nach wie vor verbesserungsfähig ist die internationale Koordination. Während sich Italien schon längst im Krisenmodus befand, reagierten die umliegenden Staaten, auch Österreich, erst mit einiger Verzögerung. Dabei hatte das Beispiel China ja gezeigt, wie rasch und unkontrolliert das Virus sich ausbreitet. Hier tritt einmal mehr der große Schwachpunkt der Europäischen Union zu Tage: Die 27 Staaten bilden keine Einheit, sprechen in Bereichen wie der Gesundheitspolitik nicht die gleiche Sprache. Zwar hätte auch eine EU-weit einheitliche Regelung die Corona-Krise nicht verhindert, aber ein konzentriertes Vorgehen aller Staaten hätte definitiv dazu beigetragen, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Außerdem hätte sich die gemeinsame Verordnung von Vorsichtsmaßnahmen beruhigend auf die Bevölkerung ausgewirkt. Geteiltes Leid ist bekanntlich halbes Leid.
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