Das Erste / Druckfrisch – Neue Bücher mit Denis Scheck

München (ots) –

Am Sonntag, 26. April 2020, um 23:35 Uhr

Die Themen:

T. C. Boyle: „Sind wir nicht Menschen?“
Hätten Sie dieses Ende der Welt erwartet? „Aber ja, ich hab so oft
darüber geschrieben, ich hab es jahrelang kommen sehen!“ Der
amerikanische Starautor T. C. Boyle ist also nicht überrascht, denkt
sich aber seinen Teil: „Es ist traurig, denn alles, was ich als
Fiktion geschrieben habe, ist bisher wahr geworden – ich werde wohl
versuchen, in Zukunft Szenarien zu schreiben, in denen jeder
glücklich ist.“
Tom Corraghessan Boyle ist mit 27 Romanen und Erzählbänden ein
ungemein produktiver Homme de lettres, der eine große Fangemeinde in
schöner Regelmäßigkeit mit seinen virtuosen Erzählstücken versorgt.
1948 in Peekskill, N.Y. geboren, wohnt er heute bei Santa Barbara in
Kalifornien. Für „Druckfrisch“ begibt er sich von dort aus ins Web
und führt mit Denis Scheck die erste Videokonferenz in der Geschichte
der Sendung, in der er über die Literatur und das fiktionale Ende der
Welt spricht, aber auch über die ganz aktuellen Herausforderungen des
amerikanischen Alltags. Seinen „Präsidenten“ beliebt er nur in
Anführungszeichen zu sehen: „Der Mann ist der Lage nicht gewachsen.
Seine Gleichgültigkeit Menschenleben gegenüber, sein Mangel an
Mitgefühl und Menschenverstand werden ihm hoffentlich bei den
nächsten Wahlen auf die Füße fallen.“
Mangel an Menschenkenntnis kann man T. C. Boyle nicht vorwerfen. „Den
Menschen lieb‘ ich, mehr noch die Natur“, dieses Zitat von Lord Byron
geht den neunzehn Kurzgeschichten in T. C. Boyles neuer
Erzählsammlung voran, in denen immer wieder die Kultur gegen die
Natur in Stellung gebracht wird. Allerdings auf Boyle-Art: In seiner
nahen Zukunft läuft ein kirschroter Pitbull auf fluoreszierendem
Rasen herum, da dreht eine Box immer wieder die Zeit zurück, es
werden Babies designed und Tiger geärgert, es fällt auch mal
Weltraumschrott vom Himmel statt einer Sternschnuppe. Die Natur
gewinnt in jeder der Kurzgeschichten. Eine Erfahrung, die wir jetzt
gerade im Umgang mit dem neuen Virus nicht machen möchten …
T. C. Boyle: Sind wir nicht Menschen. Aus dem Englischen von Anette
Grube und Dirk van Gunsteren.

Ingo Schulze: „Die rechtschaffenen Mörder“
Ein legendärer Antiquar auf rechten Abwegen, ein zweifelhafter Autor
und eine verwirrte Lektorin: Als Triptychon ist Ingo Schulzes neuer
Roman angelegt, in drei virtuosen Tonlagen fügt sich ein Roman, den
man als Buch der Stunde bezeichnen kann. Norbert Paulini, der
Dresdner Altbuchhändler, steht im Zentrum des Geschehens, das von der
70er Jahren in der DDR bis in die Gegenwart reicht und zwar nicht die
Seele Ostdeutschlands umfassend erklären will – aber doch ein paar
erhellende Schlaglichter auf Phänomene wie Radikalisierung,
Verunsicherung und Bildungsverfall setzt. Kann Lesen vor verirrten
Gedanken schützen? Kann die wunderschöne Kulisse bösem Handeln
trotzen? Ingo Schulze führt auf mehr als ein glattes Eis in seinem
kunstvoll komponierten Buch – das Kriminalfall genauso ist wie
Geschichtsanalyse, Hommage an die Literatur ebenso wie
Liebesgeschichte. Und uns erzählt, dass die Gegenwart mit dem Blick
auf die Vergangenheit an Klarheit gewinnt.
Der gebürtige Dresdner Ingo Schulze ist einer der seit Jahrzehnten
preisgekrönten Autoren mit DDR-Hintergrund, der mit jedem Buch eine
neue Tonart anschlägt. Mit Denis Scheck spricht er über seine
Faszination am immer wieder wechselnden literarischen Kulissenbau.
Ingo Schulze: Die rechtschaffenen Mörder.

… außerdem, wie immer, Denis Schecks Kommentar zu den
Belletristiktiteln auf der aktuellen Spiegel-Bestsellerliste und eine
ganz persönliche Empfehlung des Fantasy-Fans: Ursula K. Le Guin: Die
Chroniken von Erdsee
… für die Musik in der Sendung sorgt das Duo Hackedepicciotto (aus
Alexander Hacke und Danielle Depicciotto)
… und einen Homeofficeschreibtischvideoüberraschungsauftritt hat
die Dichterin Nora Gomringer

Moderation: Denis Scheck; Regie: Andreas Ammer.
Redaktion: Christoph Bungartz (NDR), Katrin Schumacher (MDR), Armin
Kratzert (BR) und Susanne Schettler (WDR).

„Druckfrisch“ im Internet: DasErste.de/druckfrisch Pressekontakt:

Dr. Bernhard Möllmann, Presse und Information Das Erste
Tel.: 089/5900-42887, E-Mail: bernhard.moellmann@DasErste.de


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