TIROLER TAGESZEITUNG „Leitartikel“ vom 26. September 2020 von Mario Zenhäusern „Das kleinere Übel“

Innsbruck (OTS) – Damit Tirol mit einem blauen Auge durch die Wintersaison kommt, müssen die Infektionszahlen rasch gesenkt werden. Wenn nämlich der Tourismus einbricht, hat Tirol plötzlich ein noch größeres Problem als die Corona-Pandemie.

Von Mario Zenhäusern
Seit Monaten versetzt die Corona-Pandemie die Welt in einen Ausnahmezustand. Nach einer kurzen Phase der Entspannung steigen die Infektionszahlen jetzt wieder. Nicht nur in Öster­reich, überall. Das ist ebenso besorgniserregend wie die Tatsache, dass die Zahl der Corona-Patienten in Spitalsbehandlung auch zunimmt. Beides sind Alarmsignale.
Die Regierungen reagieren völlig unterschiedlich auf die Verschärfung der Krise. Die einzigen Gemeinsamkeiten sind Hysterie und Überreaktionen im Umgang mit dem Virus. Auch innerhalb der Europäischen Union herrscht Chaos. Die
Staaten belegen sich gegenseitig mit Reise­warnungen oder raten, wie Deutschland­s Gesundheitsminister Jens Spahn, bereits jetzt, also Ende September, von Auslandsreisen in den Winterferien ab.
Eine gemeinsame Strategie ist nicht vorhanden, nachvollziehbare Grund­lagen für derart einschneidende Entscheidungen auch nicht. Österreich macht da keine Ausnahme, wie die für viele willkürlich anmutenden Beschlüsse der Corona-Ampel-Kommission belegen. Warum Landeck zum Beispiel auf Orange-Status (hohes Risiko) hinauf- und Kufstein nicht auf Gelb (mittleres Risiko) hinuntergestuft wurde, soll verstehen, wer will.
Diese Farbenspiele sind eine Steilvorlage für jene Staaten, die Tirol bereits jetzt als Risikogebiet einstufen. Seit gestern Abend zählt auch Deutschland dazu. Die Reisewarnung unserer nördlichen Nachbarn so knapp vor der Wintersaison ist für Tirol schwer zu verkraften. Die Deutschen sind mit über 50 Prozent die mit Abstand größte Gäste­gruppe. Ihr Fernbleiben träfe nicht nur die Tourismusbranche wie ein Schlag in die Magengrube, sondern auch jene Bereiche, die direkt oder indirekt von ihr abhängen. Bricht der Tourismus ein, haben wir plötzlich ein noch größeres Problem als die Corona-Pandemie.
Tirol hat es nicht mehr selbst in der Hand, ob das Land mit einem blauen Auge durch die Wintersaison kommt. Die einzige Möglichkeit, diese fatale Entwicklung zu beeinflussen, ist die Senkung der Infektionszahlen. Nachdem ein Impfstoff noch nicht vorhanden und ein zweiter Lockdown keine Option ist, führt der Weg wohl nur über die konsequente Einhaltung der Corona-Vorsichtsmaßnahmen. Und ganz ehrlich: Das Einhalten der Abstands- und Hygiene-Regeln sowie das Tragen der Mund-Nasen-Schutzmaske ist, verglichen mit allen anderen Maßnahmen, immer noch das kleinere Übel.

Tiroler Tageszeitung
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