„Ein Recht auf den Tod?“: „kreuz und quer“-Doku über die Debatte um Sterbehilfe

Am 13. Oktober ab 22.35 Uhr in ORF 2; danach: „Später Frühling“

Wien (OTS) – Was tun am Ende des Lebens, wenn der Tod absehbar und schweres, langes Leiden Betroffenen unerträglich erscheint? Der Verfassungsgerichtshof prüft zurzeit die Frage, ob in Österreich aktive Sterbehilfe und die Mitwirkung am Suizid in Zukunft gesetzlich erlaubt werden sollen. Vor Kurzem gab es eine Anhörung, ein Urteil steht bevor. Für die „kreuz und quer“-Dokumentation „Ein Recht auf den Tod?“ – zu sehen am Dienstag, dem 13. Oktober 2020, um 22.35 Uhr in ORF 2 – hat Peter Beringer nachgefragt: bei Betroffenen, bei Fachleuten aus den Bereiche Medizin, Justiz, Theologie und Ethik, die Sterbehilfe befürworten, und solchen, die sich vehement dagegen wenden. Er zeigt, wie unterschiedlich in Europa Sterbehilfe gehandhabt wird und verdeutlicht Graubereiche und Alternativen, die es auch in Österreich gibt. Mit „Später Frühling“ (23.10 Uhr) folgt ein Film über ein ungewöhnliches Leben einer außergewöhnlichen Frau.

„Ein Recht auf den Tod?“ – Ein Film von Peter Beringer

Ein Recht auf den Tod? Das sensible Thema beschäftigt jedes Jahr Tausende betroffene Menschen und ihre Angehörigen. Manche wünschen sich, Sterbehilfe in Anspruch nehmen zu können. In Österreich aber sind Tötung auf Verlangen und Suizidbeihilfe grundsätzlich verboten. Hilfestellung oder Beratung, auch durch Mediziner/innen, können als Verleitung zum Selbstmord Strafe nach sich ziehen. In anderen Ländern Europas dagegen sind Suizidbeihilfe und etwa in den Beneluxstaaten auch Tötung auf Verlangen für Menschen mit schweren tödlichen Erkrankungen am Lebensende oder auch aus anderen Gründen schwer leidenden Patientinnen und Patienten erlaubt.

Die Diskussion wird zurzeit nicht nur in Österreich geführt. In Deutschland hat das Bundesverfassungsgericht erst im Februar 2020 ein Verbot der gewerbsmäßigen Suizidbeihilfe aufgehoben, dadurch die Tätigkeit von Sterbehilfevereinen legalisiert und dabei ausdrücklich festgehalten, dass einschränkende Kriterien wie schwere Krankheit und schweres Leid nicht gelten. Kritiker/innen in Österreich sehen diese Entwicklungen mit Sorge: Sie meinen, dass aus dem vermeintlichen Recht auf würdiges Sterben bald Druck auf Schwache, Alte und Kranke entstehen könnte, unfreiwillig aus dem Leben zu scheiden. Sie befürchten einen ethischen Dammbruch und eine nachhaltige gesellschaftliche Veränderung.

„Später Frühling“ – Ein Film von Tobias Dörr

65 Jahre war Marianne mit Oswald verheiratet. Die ersten 60 Jahre waren schwierig, erst dann kam ganz plötzlich der Durchbruch in der Beziehung, der den letzten fünf Jahren eine ganz neue Qualität gab. Dann ist Oswald gestorben. Im Alter von 92 Jahren lernt Marianne Klavierspielen. Es geht ihr nur um ein einziges Stück: „An den Frühling“ von Edvard Grieg. „Ein schwieriges Stück“, sagt ihr Lehrer Adrian Cox, Professor an der Universität für Musik und darstellende Kunst. Umso schwieriger für eine 92-Jährige, die kaum mehr sehen kann. Für Marianne ist dieses Stück eine Möglichkeit, in Kontakt mit ihrem verstorbenen Mann zu treten. „Ich weiß hundertprozentig, dass er nicht tot ist. Er ist da, wenn er will. Er will hören, wenn ich Klavier spiele.“ Oswald war strenggläubiges Mitglied der sogenannten katholisch-apostolischen Gemeinde, einer christlichen Sondergemeinschaft. „Dort ist der Mann eine Eins und die Frau eine Null“, sagt Marianne. „Jeder andere hätte sich scheiden lassen, aber ich wusste, dass er wie in einem Kokon steckt aus religiösen Regeln und Vorstellungen und ich wusste, ich liebe ihn und nicht seine religiösen Regeln.“ Es dauert 60 Jahre, bis sich Oswald aus seinem Kokon befreit. Da sind die beiden schon über 80. Sie haben fünf schöne Jahre, in denen sie sich mehr lieben als je zuvor. Nach seinem Tod fällt Marianne in eine Depression, will nicht mehr leben.

Ihre Tochter Ria, die als Therapeutin und Supervisorin arbeitet, weiß nicht mehr, wie sie ihr helfen kann. Der Arzt rät Marianne zu einem Hobby. Sie hatte mal eins, aber das ist lange her: Vor fast 80 Jahren lernte Marianne Klavier und konnte vom Blatt spielen. Mariannes Tochter Ria begegnet auf einem Seminar Adrian Cox, Professor für Klavier an der Universität für Musik und darstellende Kunst. „Ich dachte sofort, er könnte der richtige für Marianne sein“, erinnert sich Ria. Sie fasst sich ein Herz und fragt ihn, ob er ihrer Mutter Klavierunterricht geben würde, da gebe es nur ein Problem – sie sei über 90 Jahre alt und blind. Als Adrian ja sagt, weiß er noch nicht, wie stur seine neue Schülerin ist; denn sie will nur „An den Frühling“ von Edvard Grieg lernen, sonst nichts. „Sie ist besessen von dem Stück“, sagt Adrian Cox. Für das Stück habe sie sich entschieden, weil es so lebensbejahend sei und eine tiefe Weisheit in sich trage. „Töne sind nicht einfach nur Töne, durch sie kann man miteinander in Kontakt treten“, sagt Marianne. „Mit Musik kann ich Oswald treffen, ich spüre ihn hinter mir stehen und ich weiß, dass er sich freut. Ich habe keine Angst vor dem Tod.“

http://presse.ORF.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS. www.ots.at
© Copyright APA-OTS Originaltext-Service GmbH und der jeweilige Aussender