TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: „Gut genug ist noch zu wenig“, von Peter Nindler

Ausgabe vom Freitag, 26. Februar 2021

Innsbruck (OTS) – Tirol steht seit Ausbruch der Corona-Pandemie und den Fehleinschätzungen in Ischgl sieben Tage pro Woche, 24 Stunden lang in der Corona-Auslage. Das scheint den heimischen Krisenmanagern bis heute noch nicht ganz bewusst zu sein.

Es ist ein Zitat im Kinofilm über den erfolgreichsten Fehlschlag in der Geschichte der US-Raumfahrtbehörde NASA, der an das Krisenmanagement in der Corona-Pandemie erinnert: „Wir haben rund 1000 Probleme vor uns, aber jetzt sind wir leider erst bei Nummer acht. Und da redest du von Nummer 692“, sagt Tom Hanks im Film „Apollo 13“ zu der ausgebrochenen Hektik nach der Explosion des Sauerstofftanks. Corona treibt Politik und Experten ebenfalls vor sich her, derzeit sind es gerade die Virus-Mutationen. Problemstellungen überlagern sich beinahe täglich, Entscheidungen von gestern können morgen schon falsch und überholt sein. Weil schlicht das Handbuch fehlt, die Anleitung für die Politik, um evidenzbasiert und vorausschauend zu handeln.
So beeinflussten Fehleinschätzungen im März 2020 das Krisenmanagement in Ischgl. Der Vertrauensverlust ist nachhaltig. Jetzt wird in Österreich bereits über Öffnungsschritte nachgedacht, ohne das Problem mit den südafrikanischen und britischen Virus-Varianten wirklich gelöst zu haben. Und wer einen „Grünen Impfpass“ als Schlüssel für die Rückkehr zur Normalität ins Spiel bringt, sollte sich bewusst sein, dass gerade die Durchimpfung der österreichischen Bevölkerung nur schleppend vorangeht.
Andererseits unterschätzt das Tiroler Krisenmanagement bis heute, dass nach ­Ischgl mehr Konsequenz erwartet wird. Das mag angesichts des allgemeinen Infektionsgeschehens als ungerecht empfunden werden und für die Bevölkerung nicht nachvollziehbar sein, das ändert aber im Konkreten nichts. Tirol muss deshalb die Herausforderungen wie aktuell die Verbreitung der südafrikanischen Virus-Variante noch schneller und vorausschauender angehen. Schritt für Schritt. Schließlich wiegt jeder Corona-Cluster in Tirol schwerer als vergleichbare bzw. viel größere Infektionsherde in anderen Bundesländern – Stichworte Kärnten, Nieder­österreich oder Salzburg. Doch die Krisenkommunikation versagt. Wird Mayrhofen isoliert, dann sollte das sofort erfolgen. Nicht erst am Samstag. Ansonsten wird das bereits an Tirol haftende Image eines zu zögerlichen und störrisch-bockigen Verhaltens, wie Anfang Februar, nur noch weiter verfestigt. Die Landesregierung hat offenbar noch nicht begriffen, dass sie in der Corona-Krise sieben Tage pro Woche, 24 Stunden lang in der nationalen sowie internationalen Auslage steht.
Ein Jahr Pandemie wird schließlich auch mit Tirol verknüpft. Und negative Schlagzeilen gab es seit dem vorigen Frühjahr bereits zur Genüge. Leider.

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