TIROLER TAGESZEITUNG „Analyse“ Ausgabe vom Freitag, 10. Dezember 2021, von Karin Leitner: „Neue Töne sind gut, neue Taten sind besser“

Innsbruck, Wien (OTS) – Mit der Flex war Karl Nehammer als Innenminister unterwegs. Was die Flüchtlings-, was die Corona-Politik anlangt. Nun, als Kanzler, hat er dieses Werkzeug beiseitegelegt. Neue Töne des Mannes in neuer Funktion gibt es. Bei all den bisherigen Auftritten, so auch im Parlament, lobte er Wissenschafter für deren Tun, auch Oppositionelle wie SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner und NEOS-Chefin Beate Meinl-Reisinger. Selbst Wiens SPÖ-Bürgermeister Michael Ludwig, stets von ÖVPlern kritisiert, dankte Nehammer, was das Vorgehen in Sachen Pandemie anlangt. Detto dem Grünen und Koalitionspartner Wolfgang Mückstein, den ÖVP-Ministerin Elisabeth Köstinger getadelt hat („Ich halte nichts von den Wortmeldungen des Gesundheitsministers“). Kein Von-oben-Herab mehr, keine Besserwisserei, kein Versprechen, dass die Pandemie zu einem bestimmten Zeitpunkt beendet sei, dazu die Mahnung, dass intern gesprochen, dann nach außen kommuniziert werden müsse.
Eine rhetorisch gute Kehrtwende. Sie gleicht der optischen Änderung von ÖVP-Ministern. Nicht mehr Türkis ist die Farbe der Kerzen auf den geposteten Adventkranz-Bildern.
Es ist keine Läuterung über Nacht. Nehammer weiß, dass er zumindest nicht öffentlich weitermachen kann wie sein Vorvorgänger Sebastian Kurz, auch wenn er zu dessen engstem Kreise zählt – und noch immer etliche aus diesem in seinen Reihen hat. Auch die Posten-Nachbesetzungen sind nach altem Stil gelaufen.
Der Kommunikationswechsel hat taktische Gründe. Nehammer möchte nicht, wie Kurzzeit-Regierungschef Alexander Schallenberg, als „Schattenkanzler“ von Sebastian Kurz in die Annalen eingehen. Er möchte eigene Konturen zeigen – und den Zuspruch zur ÖVP, der nach dem Hoch im Frühjahr vergangenen Jahres sukzessive gesunken ist, heben. Nehammer hat jetzt zu zeigen, dass es ihm ernst ist mit der von der ÖVP einst propagierten „Veränderung“, dass es nicht bei einer „Message Control“ in eigener Sache bleibt. Taten zählen, nicht Worte.

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