
TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: „Selten war Olympia politischer“, Ausgabe vom 5. Februar 2022 von Florian Madl.
Innsbruck (OTS) – Westliche Politiker boykottierten die Olympia-Eröffnung in Peking, Russland und China rümpften darüber die Nase und der IOC-Präsident gebärdet sich mittendrin wie ein Zirkusdirektor, der sich nur für seine Show interessiert.
Von „absoluten Adjektiven“ heißt es, sie seien nicht steigerbar. Etwa falsch – noch falscher geht wohl kaum. Oder ideal – am idealsten ist nicht vorstellbar. Und politisch(er)? Im Fall der Olympischen Winterspiele 2022 in Peking, die gestern unter Ausschluss der Öffentlichkeit und der Mehrheit westlicher Staatsmänner eröffnet wurden, scheint diese Erhöhung durchaus zulässig. Denn die weltpolitische Gemengelage spiegelt sich in diesem Sport-Großereignis wider, das man durchaus mit einem konfliktbehafteten Familientreffen vergleichen kann:
Viele bleiben aus persönlichen Motiven fern – wie die USA, Australien, Kanada. Die boykottieren Olympia naserümpfend. Manche würden ja kommen, man ist schließlich neutral und will sich’s mit dem Handelspartner nicht vertun – wie Österreich. Und irgendwie ist das Land dankbar, dass man das Nichterscheinen mit der Pandemie und der Entfernung entschuldigen kann.
Dann gibt es jene Länder, die gerne kommen würden, das aber nicht dürfen: Nordkorea wurde von Olympia bis 2022 ausgeschlossen, Machthaber Kim Jong-un erklärt das mit „Machenschaften feindseliger Kräfte“. Gleichzeitig gratulierte er seinem Bruder im Geiste, Xi Jinping, zu dessen Giganto-Spielen.
Bleibt Russland, das in Person von Präsident Wladimir Putin als eines von wenigen Ländern der Eröffnungsfeier beiwohnt. Die Verbrüderung mit China lässt sich durch die gemeinsame internationale Außenseiterrolle erklären. Hier (in China) die Uiguren, dazu Taiwan, Hongkong, Tibet. Dort Russland mit dem Konfliktherd Ukraine und der befürchteten NATO-Osterweiterung. Man sucht den Schulterschluss. Und was würde sich dazu besser eignen als eine farbenfrohe Eröffnungsfeier mit abschließendem Feuerwerk, bei dem die beiden Machthaber ungezwungen Höflichkeiten austauschen.
Thomas Bach, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, bewegt sich zwischen all diesen Parteien wie ein Zirkusdirektor, der aufkommenden Streit mit Worthülsen schlichtet: „Die Olympischen Spiele können nicht die politischen Probleme lösen, die Generationen von Politikern bisher nicht lösen konnten.“ Stimmt. Und was bitte ist mit dem Wertekanon, dem sich das IOC verschrieben hat? Dem Gerede von „Dabei sein ist alles“, Nachhaltigkeit und Ökologie? Mit der „Pingpong-Diplomatie“, also gemeinsamen Tischtennisturnieren, wollten die USA und China vor 50 Jahren ihre Beziehungen verbessern, auf die Gegenwart scheint das Konzept nicht anwendbar. Irgendwann wird das IOC also doch Farbe bekennen müssen.
Tiroler Tageszeitung
0512 5354 5101
chefredaktion@tt.com
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS. www.ots.at
© Copyright APA-OTS Originaltext-Service GmbH und der jeweilige Aussender