
Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 15. Februar 2022. Von VERENA LANGEGGER. „Transparenz für die Gerechtigkeit“.
Innsbruck (OTS) – Der heutige Equal Pay Day zeigt es wieder auf: Auch im 21. Jahrhundert gibt es keinerlei Gleichstellung von Frauen und Männern in der Arbeitswelt. Eine schlüssige Begründung für diese Ungerechtigkeit gibt es nicht.
In einer perfekten Welt würde sich die Frage nicht mehr stellen. Denn es gibt keine schlüssige Antwort darauf, warum Frauen im gleichen Job weniger als ihre männlichen Kollegen verdienen. Aber die Welt ist nicht perfekt.
Laut Lohnsteuerdaten verdienen Arbeiterinnen um rund 27 Prozent, weibliche Angestellte um fast 30 Prozent und weibliche Vertragsbedienstete um fast fünf Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen.
Und alle Jahre wieder zeigt der Equal Pay Day – der heute ist –, wie viele Tage Frauen im Vergleich zu Männern im Jahr gratis arbeiten. Heuer sind es 46 Tage. Belastbare Argumente für die niedrigere Entlohnung von Frauen gibt es nicht. Und auch biologische überzeugen nicht. Ja, Frauen bekommen Kinder. Aber ist es ein ehernes Gesetz, dass ihnen deshalb der Wiedereinstieg ins Berufsleben erschwert und ihre Arbeit schlechter bezahlt werden muss? Es braucht einen rechtlichen Anspruch auf Kinderbetreuung, um ein Weiterarbeiten nach einer Geburt für Frauen planbar zu machen. Auch Männer können kleine Kinder zuhause in der Karenz betreuen. Und wenn der Gehaltsunterschied nicht wäre, würden das viele vielleicht sogar gerne tun. Auch hier wäre gleiches Gehalt ein zusätzlicher Anreiz. Und wenn Männer sich diese Familienarbeit mehr mit Frauen teilen, dann steigt auch ihre gesellschaftliche Wertschätzung. Nur so lassen sich althergebrachte Rollenbilder tatsächlich überwinden. Mit einem zügigen Wiedereinstieg sinkt zudem die Gefahr von langen Lücken im beruflichen Lebenslauf, fehlenden Versicherungszeiten und damit der Altersarmut von Frauen.
Bis sich Männer und Frauen auf Augenhöhe begegnen und offen und transparent über Gehälter sprechen können, braucht es zudem ein Lohntransparenzgesetz. Denn werden Löhne transparent aufgezeigt, dann werden Frauen auch selbstbewusster ihre Gehaltsforderungen stellen. Was es am Weg zur echten Gleichberechtigung von Frauen und Männern noch braucht, ist eine verpflichtende Quote. Nicht nur in Aufsichtsräten, sondern auch in Vorständen und anderen Leitungspositionen. Wenn die Stellung von Frauen am Arbeitsmarkt verbessert wird, steigt auch die Wertschätzung. Noch sind Frauen und Männer in keinster Weise gleichgestellt. Der Equal Pay Day ist heuer übrigens eine Woche früher als 2021. Nicht etwa, weil Frauen im vergangenen Jahr mehr verdient hätten, sondern weil Männer wegen Pandemie-bedingter Kurzarbeit weniger Gehalt bekamen.
Das ist wenig erfreulich, auch wenn es positiv klingt. Es muss ehrliche Strukturreformen geben.
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