
TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: „Profiteure der Pekinger Propagandashow“, Ausgabe vom 21. Februar 2022 von Max Ischia.
Innsbruck (OTS) – Das ÖOC-Team hat sich erfolgreich ins Zeug gelegt, die chinesischen Gastgeber sowieso. Das Erbe der XXIV. Winterspiele wird dennoch bescheiden ausfallen. Das Milliardenspektakel im Zeichen der fünf Ringe hat seine Seele längst verkauft.
Das nach Olympischen Sommerspielen gerne kritisch hinterfragte österreichische Sport- und Fördersystem funktioniert also doch – im Winter halt. Ja, wir sind eben ein Land der Skifahrer, Skispringer, Rodler, Snowboarder, Kombinierer und dank Teresa Stadlober auch wieder Langläufer. 18 Medaillen, davon 7 in Gold, sind aller Ehren wert. Nur 2006 in Turin waren „wir“ besser, aber da war „tu felix austria“ auch ein „too small country to make good doping“. Und dass Norwegen, ein Land mit nicht einmal 5,5 Millionen Einwohnern, dank 37 Stück Edelmetall zum globalen Branchenprimus aufstieg, soll uns für 2026 nur Ansporn sein.
Was bleibt also von den XXIV. Winterspielen, die im Vorfeld derart massiv in der Kritik gestanden sind? Was bleibt von Peking 2022, dessen interaktives Leben sich ausschließlich in einer hermetisch abgeschirmten und strengstens überwachten Blase abgespielt hat? Was bleibt vom olympischen Geist, wenn die (Volks-)Seele ausgesperrt blieb und sich vornehmlich ausgewählte chinesische Sponsoren-Partner auf den großteils verwaisten Tribünen tummelten?
Sagen wir so: China hat sich ins Zeug gelegt, Corona die Stirn geboten und auch sonst nichts dem Zufall überlassen. Mehr noch: China hat es sogar schneien lassen. Selbst im olympischen Alpin-Resort in Yanqing, wo das weiße Gold gewöhnlich ausschließlich aus Schneekanonen entspringt. Wie es mit der Nachnutzung angesichts konstanter Eiseskälte und dauerhaft auffrischender Winde bestellt ist, darf mit der größtmöglichen Skepsis verfolgt werden. Das gilt auch für den nordischen Komplex mit dem architektonisch bemerkenswerten Sprungschanzen-UFO. Oder für das für 2,4 Milliarden Euro errichtete Eiskanal-Labyrinth, welches der olympischen Gigantomanie zu neuen Superlativen verhalf.
Den kolportierten Glauben, dass Olympia irgendetwas an den flächendeckenden chinesischen Missständen (Menschenrechtssituation, Verfolgung der Uiguren, unterwanderter Umweltschutz u. v. m.) ändern wird können, hatte das IOC exklusiv. Und die beiden Hauptdarsteller, also die diktatorische Volksrepublik China und das in der Schweiz als gemeinnütziger Verein eingetragene IOC, sind auch die großen Gewinner dieser milliardenschweren Propagandashow. Und vielleicht bald schon auch Österreichs Skifirmen und der heimische Tourismus. Dann nämlich, wenn sich – wie vorausgesagt – bis zu 300 Millionen Chinesen für den Wintersport erwärmen. Bis dahin wird es freilich noch ein paarmal schneien in und rund um Peking. Vornehmlich aus Schneekanonen.
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