TIROLER TAGESZEITUNG „Kommentar“ Ausgabe vom 24. Mai 2022, von Michael Sprenger: „ÖVP will es sich mit der FPÖ nicht vergraulen“

Innsbruck (OTS) – Die Kanzlerpartei ÖVP ist erleichtert. So auch die SPÖ. Beide sind insgeheim sehr froh darüber, dass sich Bundespräsident Alexander Van der Bellen der Wiederwahl stellt. So brauchen beide Parteien keinen eigenen Kandidaten oder Kandidatin aufstellen. Der Schock der 2016er-Wahl sitzt noch zu tief. Damals scheiterten Andreas Khol (ÖVP) und Rudolf Hundstorfer (SPÖ) bereits im ersten Wahlgang grandios.
Doch während die Sozialdemokraten nicht nur keinen Kandidaten oder Kandidatin aufstellen, sondern Van der Bellen bei der Wiederkandidatur auch unterstützen werden, will die ÖVP zwar den Pelz gewaschen wissen, aber ohne dabei nass zu werden. Übersetzt heißt dies: Wir von der ÖVP finden, dass Van der Bellen seine Aufgabe gut gemacht hat, wir von der ÖVP haben mit ihm gut zusammengearbeitet. Aber nein, wir werden uns nicht für seine Wiederwahl im Herbst ins Zeug legen. So ähnlich war schon ihr Verhalten bei der Stichwahl zwischen dem FPÖ-Kandidaten Norbert Hofer und Van der Bellen. Nur damals scherte Parteiobmann Reinhold Mitterlehner aus der zur Schau gestellten Neutralitätsposition aus – und wurde für seine bekundete Sympathie für Van der Bellen parteiintern geprügelt.
Denn Sebastian Kurz und seine Freunde hatten seinerzeit längst anderes im Sinne. Die FPÖ sollte nicht unnötig gereizt werden, denn man wollte mit Hilfe der Freiheitlichen das Kanzleramt erobern. Was auch gelang. Und heute?
Es stimmt, mit FPÖ-Obmann Herbert Kickl will die ÖVP keine Koalition mit den Blauen bilden. Aber wer sagt, dass Kickl bleibt – oder sich nicht zurückzieht, wenn sich die Chance einer Regierungsbeteiligung ergibt?
Also ist die Interpretation durchaus zulässig, dass ÖVP-Obmann Karl Nehammer hier ähnlich denkt wie damals Kurz. Nur die FPÖ nicht vergraulen! Er fabuliert derweil von Menschen, die mündig genug sind bei ihren Wahlentscheidungen. Da wählt für sich der Tiroler Landeshauptmann Günter Platter hingegen einen ehrlichen Weg. Er stellt sich klar hinter Van der Bellen.

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