TIROLER TAGESZEITUNG „Leitartikel“ Ausgabe vom 24. Mai 2022, von Alex Gruber: „Emotionen stehen über Millionen“

Innsbruck (OTS) – Die Titelentscheidungen in Europas Top-Ligen und das Europa-League-Finale haben die Strahlkraft von König Fußball erneut untermauert. Die Kehrseite der Medaille liegt in astronomischen Summen, die nicht mehr zu ertragen sind.

König Fußball ist und bleibt Opium für das Volk, das im ausgelassenen Jubel über Kicker-Helden Alltagssorgen vergessen lässt. Das Mitleiden von Heerscharen von Fans wurde beim Europa-League-Finale zwischen Eintracht Frankfurt und den Glasgow Rangers in der vergangenen Woche in Sevilla am deutlichsten sichtbar. Der Support war im Stadion und in der spanischen Metropole grenzenlos. Und auch die Arbeiter-Mentalität, die die beiden Klubs umgibt, war auf sympathische Art und Weise spürbar. Es war ein Finale, das in dieser Konstellation unter zwei Außenseitern im internationalen Vergleich zukünftig wohl Seltenheitswert genießt.
Das Drama nahm am Sonntag mit den Meisterschaftsentscheidungen in der englischen Premier League und italienischen Serie A bei den Kopf-an-Kopf-Duellen zwischen Manchester City und dem FC Liverpool bzw. dem AC Milan und Stadtrivale Inter seinen Lauf. Nach weiteren Platzstürmen fanden gestern in den Städten wieder rauschende Titelpartys statt. Innerhalb der Landesgrenzen und im Kleinen gedacht, wurde auch der Klassenerhalt Altachs in letzter Sekunde im Ländle überschäumend gefeiert. Und was gibt es Schöneres als Menschen, die sich in kollektiver Glückseligkeit in den Armen liegen? Um nicht darauf zu vergessen, dass mit dem nötigen Sportsgeist der Respekt bitte auch den „Verlierern“ geschuldet sei.
So weit, so gut. Es schadet an der (obersten) Spitze nicht, dieses kapitalistische System zu hinterfragen. Der vierte Liga-Triumph von Manchester City in den letzten fünf Jahren baut auf dem Vermögen der Scheich-Familie von Mansour bin Zayed Al Nahyan (Abu Dhabi) auf. Ein 110-Millionen-Transfer wie Jack Grealish schmollte bei einem Kadergesamtwert knapp unter einer Milliarde oftmals auf der Bank, Starcoach Pep Guardiola streift wegen seiner Genialität gut 20 Millionen Euro pro Saison ein – zu viel. Einige Stars werden ihn hinter sich lassen. Wer seine Liebe zum FC Liverpool pflegt, sollte nicht darauf vergessen, dass die „Reds“ (Kaderwert 900 Mio. €) unter Klopp in ähnlichen Sphären schweben. Beide Klubs sind im „Ferrari“ unterwegs.
Die Vertragsverlängerung von Weltmeis­ter Kylian Mbappé bei Paris SG bis 2025 für ein kolportiertes Handgeld von 300 Mio. € und 100 Mio. als Jahresgehalt setzen dem Wahnsinn die Krone auf. Gegen den katarischen PSG-Präsident Nasser Al-Khelaifi kamen selbst die Granden von Champions-League-Rekordsieger Real Madrid nicht an. Genug! Hier muss von den Rängen jeder Beifall verstummen. Der Stallgeruch im Tiroler Unterhaus schmeckt bisweilen besser.

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