TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: „Höchste Zeit für die Zinswende“, von Max Strozzi

Ausgabe vom 21. Juli 2022

Innsbruck (OTS) – Die EZB hat das überfällige Ende ihrer Nullzinspolitik eingeläutet. Das erste Zinsplus seit elf Jahren dürfte die galoppierende Inflation aber noch kaum bremsen, dafür muss man auch andere Systemfehler angehen. Und Frieden gibt’s auch noch keinen.

Europas Preis- und Währungshüter haben erstmals nach elf Jahren die Leitzinsen angehoben, auf 0,5 % etwas stärker als erwartet. Das wird die galoppierende Inflation kaum einbremsen und daher kann man sich auf weitere Zinserhöhungen einstellen. In wenigen Monaten wird der nächste Schritt folgen, später vermutlich weitere.
Der russische Ukraine-Krieg hat über die Energiepreise in den vergangenen Monaten die Inflation explodieren lassen und die EZB damit zum längst überfälligen Zinsschritt gezwungen. Ja, es ging zuletzt extrem schnell nach oben mit der Teuerung. Doch Alarmzeichen gab es bereits spätestens im Vorjahr, als die Teuerungsrate viel stärker als erwartet anzog. Die EZB ritt dennoch regelmäßig aus, um zu beruhigen: Alles halb so wild, Nullzinsen sind toll, Negativzinsen noch besser.
Eine Haltung, die seit der Finanzkrise die Geldpolitik prägt. Vor 13 Jahren begannen Zentralbanken, den Geldhahn aufzudrehen, und ließen Scheine regnen. Damit haben sie Nachfrage angekurbelt und eine gewisse Inflation aufrechterhalten, was auch der Sinn der ganzen Aktion war. Schon damals warnten Experten aber davor, Wirtschaft und Staaten dauerhaft mit Billigstgeld zu „fixen“. Trotzdem wurden Zinsen für inexistent erklärt und ihr Sinn sogar ins Gegenteil verkehrt:
Seit 2015 war etwa der für Kredite maßgebliche Euribor negativ. Motto: Nimm einen Kredit und kassiere Zinsen, statt sie zu zahlen. Die Folgen der beispiellosen Geldschwemme lassen sich in unseren Tiroler Breitengraden ablesen. Unsummen aus aller Welt flossen in heimische Immobilien und ließen die Preisspirale in einem Tempo drehen, dass dem Tiroler Wohnungssuchenden schwindlig wurde. Toll für Besitzende, weniger lustig für jene (jüngeren) Familien, die sich was aufbauen wollen. Immer mehr Tiroler Regionen werden unleistbar.
Nun hat sich die EZB immerhin zu einem ersten Schritt in Richtung einer Normalität durchgerungen, in der Geldausborgen wieder etwas kosten muss und man für sein eigenes Geld am Sparbuch, das man der Bank leiht, etwas erhält. Das Zinsplus treibt manchem Kreditnehmer den Schweiß auf die Stirn, weil gerade alles über einen hereinbricht:
Nach den explodierenden Immobilienpreisen die horrenden Energiekosten und höhere Lebensmittelpreise. Überhaupt ist alles teurer, und nun auch die Rate für den variabel verzinsten Kredit, wenngleich die Zinsen immer noch historisch tief sind. Wie stark sie im Kampf gegen die Inflation noch steigen werden, wird sich zeigen. Gegen die Teuerung muss aber auch an anderen Schrauben gedreht werden, etwa am Strompreis-System. Dass wir für billigen Strom aus Wind und Wasser gleich viel zahlen wie für Strom aus teuren Gaskraftwerken, ist nicht hinnehmbar.

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