
TIROLER TAGESZEITUNG „Leitartikel“ vom 25. Juli 2022 von Michael Sprenger „Der Zweifel nimmt zu“
Innsbruck (OTS) – Ist es so einfach, immerzu die Welt in Gut und Böse einzuteilen? Beim Ukraine-Krieg tun wir es. Doch je länger die Raketen einschlagen, desto mehr schwindet der klare Blick. Wer profitiert? Die ukrainische Bevölkerung wohl kaum.
Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Dieses Zitat aus der „Minima Moralia“ von Theodor W. Adorno könnte einem in den Sinn kommen, wenn man über den seit Wochen herrschenden Krieg nachdenkt. Einen Krieg, von dem man annimmt, dass von Anfang an die Fronten klar abgesteckt sind. Doch ist immer alles richtig, was richtig scheint? Und bleibt es so? Wann sind Zweifel angebracht, sollte man sich seinen Zweifel bewahren?
Ohne Zweifel – Waldimir Putin ist der Aggressor. Er ist alles, aber kein Demokrat. Ein autoritärer Führer ist er, mit dem der Westen bis vor wenigen Monaten noch gerne Handel betrieben hat.
Darauf kann man rasch am Beginn einer Debatte eine Einigung erzielen. Doch dann wird es schon lauter, zuweilen aggressiv. Denn mit jeder Woche, in der zwischen dem Donbass und Odessa Raketen einschlagen, taucht neuer Zweifel auf. Hinterfragt man, wird man allzu rasch in ein Lager gedrängt. Hier die Kriegstreiber, dort die Putin-Versteher. Macht man es sich nicht zu einfach, mit dem Einteilen in die Guten und die Bösen? Was passiert, wenn man Fragen stellt und die Antworten noch nicht kennt? Das Denken könnte geschärft werden.
Eine Frage könnte sein: Verlängert der Westen den Krieg, vergrößert er das Gräuel für die ukrainische Bevölkerung, wenn er weiter immer mehr Waffen liefert? Ja, das wird wohl so sein. Doch die andere Erklärung kommt wie aus der Pistole geschossen: Die Waffen helfen der Ukraine, sich zu verteidigen, den Krieg zu gewinnen. Eine nachvollziehbare Antwort. Doch was heißt „den Krieg gewinnen“? Glaubt wer, dass Putin sagt: „Sorry, ich habe mich geirrt. Ich ziehe mich zurück. Das mit der Ostukraine und der Krim war ein Irrtum.“
Und warum werden eigentlich all jene immerzu als Narren hingestellt, die auf Diplomatie setzen? Und warum stempelt man sie als Handlanger Putins ab? Wissen denn alle über die Kriegsziele Bescheid? Kann sein, dass Putin ein Einknicken des Westens als Schwäche auslegt und sich das nächste Land holt. Kann aber auch nicht sein. Was jedenfalls gilt: Auch dieser Krieg kennt Gewinner. Und die Bevölkerung der Ukraine und Russlands gehören nicht dazu. Aber vielleicht die rechtsnationalen und rechtsextremen Parteien in der EU. Sie freuen sich insgeheim über die Teuerung. Die Zündschnur ist ausgelegt. Auch die USA profitieren politisch und ökonomisch von einem langen Krieg. China wird derweil seine Position in der Welt absichern.
Der Zweifel nimmt zu, wenn Klarheit abhandenkommt.
Tiroler Tageszeitung
0512 5354 5101
chefredaktion@tt.com
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS. www.ots.at
© Copyright APA-OTS Originaltext-Service GmbH und der jeweilige Aussender