
TIROLER TAGESZEITUNG „Analyse“ vom 26. Juli 2022 von Karin Leitner „Die Bewährungsprobe für die Politik“
Innsbruck (OTS) – Für den großen Großteil der Bürger ging es in den vergangenen Jahrzehnten bergauf. Eine konsumfreudige und -starke Mittelschicht etablierte sich. Ein gutes Leben konnten die meisten führen.
Dann kamen die Pandemie und Wladimir Putins Krieg gegen die Ukraine. Und jetzt offenbart der in den Hintergrund geratene Klimawandel allerorts seine erschreckenden Dimensionen.
Die gesundheitlichen, wirtschaftlichen und psychischen Folgen all dieser Ereignisse sind evident. Menschen sind besorgt, verängstigt. Vielen ist klar: So wie es gewesen ist, wird es nicht mehr sein. Wer hätte etwa gedacht, dass im Jahr 2022 darüber debattiert werden muss, ob Wohnungen und Schulklassen im kommenden Winter noch beheizbar sind? Ob es in öffentlichen Gebäuden und auf Parkplätzen eine „Licht-Sperrstunde“ geben soll?
Die Zustände sind die Bewährungsprobe für Politiker. In guten Zeiten lässt sich vergleichsweise leicht regieren. Nun ist mehr denn je Können gefragt, nicht Technokratie der Macht, nicht Selbstdarstellerei, nicht die Fokussierung auf das Fortkommen der eigenen Partei statt auf das Gemeinwohl, nicht verbale Wadlbeißerei, nicht der Profilierungsversuch zu Lasten ideologischer Gegner.
Es geht aber nicht nur um inhaltliches Know-how, es geht auch um Gespür für die nicht nur materiellen Nöte von Bürgern, um Empathie. Auch bei öffentlichen Auftritten. Weder Alarmismus noch Schönrederei sollte es geben, sondern Handeln und Kommunikation à la Habeck. Notwendig sind Lenker, die die Wahrheit zumuten, in einfachen Worten erklären, erläutern und glaubwürdig vermitteln, alles zu tun, um die Auswirkungen des Weltenwahnsinns zu mildern. Floskelfrei. So sollte auch mit dem Gerede von der „Eigenverantwortung“ Schluss sein. Manchem Volksvertreter dient dieses Schlagwort, um Verantwortung von sich zu weisen. Es ist sie aber zu tragen. Ob der immensen Teuerung können sich immer mehr Leute nicht mehr selbst helfen. Jenen, die den Sozialstaat schlechtreden, wird hoffentlich jetzt bewusst, wie gut es ist, öffentliche Fürsorge österreichischer Prägung zu haben.
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