
Wie einsam ist Österreich? FORESIGHT-Studie im Auftrag der Caritas zeigt alarmierend hohes Niveau
Jede*r Vierte wünscht sich mehr soziale Kontakte. Schwertner fordert Nationalen Aktionsplan gegen Einsamkeit und Mindestalter für Social-Media-Nutzung nach australischem Vorbild.
Im Vorfeld des Blue Monday, dem angeblich deprimierendsten Tag des Jahres, stellt die Caritas die Ergebnisse einer aktuellen, für Österreich repräsentativen Studie vor. Im Zentrum steht dabei die Frage: „Wie einsam ist Österreich?“. „Die Ergebnisse machen deutlich: Einsamkeit ist in Österreich weiterhin weit verbreitet und hat sich auf hohem Niveau verfestigt“, betont Klaus Schwertner, Caritasdirektor der Erzdiözese Wien. „Mehr als 700.000 Menschen fühlen sich sehr häufig einsam. Jeder vierte Mensch in Österreich wünscht sich mehr sozialen Austausch. Und der Anteil jener Personen, die aufgrund der Teuerung ihre sozialen Kontakte einschränken mussten, hat sich von 2023 bis 2025 beinahe verdoppelt. Das macht deutlich: Die Corona-Pandemie mag vorbei sein, die stille Pandemie der Einsamkeit hält weiter an. Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, dieser Not etwas entgegenzusetzen. Als Caritas sind wir überzeugt: Wer Einsamkeit bekämpfen will, muss den sozialen Zusammenhalt stärken und Armut bestmöglich verhindern.“ Schwertner präsentierte die Studie, die im Auftrag der Caritas Erzdiözese Wien vom renommierten Sozialforschungsinstitut FORESIGHT durchgeführt wurde (1.006 Befragte in ganz Österreich), gemeinsam mit Journalistin Barbara Stöckl: „Wenn 61 Prozent der Befragten angeben, dass Einsamkeit noch immer ein gesellschaftliches Tabu ist, dann zeigt das auch, wie schambehaftet das Thema nach wie vor ist. Einsamkeit bekommt im öffentlichen Diskurs noch immer zu wenig Raum. Auch deshalb sind wir heute hier. Einsame Menschen wieder in die Gesellschaft zu holen, ist keine Aufgabe für Facebook oder andere Social-Media-Plattformen. Wir brauchen als Gesellschaft analoge Orte der Begegnung und des Gesprächs.“
CARITAS APPELLIERT: „WIR BENÖTIGEN EINEN NATIONALEN AKTIONSPLAN GEGEN EINSAMKEIT“
Unterstützung kam auch von Thomas Wochele-Thoma, Psychiater und ärztlichem Leiter der Caritas. Er unterstrich die Tragweite des Problems: „Einsamkeit erhöht nachweislich das Risiko für chronischen Stress, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Depressionen, Demenz und vorzeitigen Tod – ihr Einfluss auf die Gesundheit wird als größer angesehen als jener von Rauchen oder Alkohol. Gleichzeitig hemmt Einsamkeit gesellschaftliche Teilhabe und gefährdet damit auch demokratische Prozesse. Und sie ist eng mit Armut verknüpft: Wer weniger hat, ist stärker von Einsamkeit betroffen. Auch diese Erkenntnis zieht sich wie ein roter Faden durch die Befragung.“ Einmal mehr erneuert die Caritas ihre Forderung nach einem nationalen Aktionsplan gegen Einsamkeit. Schwertner: „Wer Armut bekämpft, bekämpft auch Einsamkeit.“ Vor diesem Hintergrund begrüßt die Caritas das Günstiger-Strom-Gesetz und die Mehrwertsteuersenkung auf Lebensmittel. Aber auch gegen Einsamkeit selbst könnte mehr unternommen werden: „Wir sind mit dem Problem nicht allein. Andere Länder zeigen vor, wie wirksame Strategien gelingen können. Als Caritas wünschen wir uns einen eigene*n Regierungsbeauftragten und eine ressortübergreifende Strategie gegen Einsamkeit. Wir brauchen einen Pakt gegen Einsamkeit und ein breites Bündnis aus Bund, Ländern, Gemeinden, Glaubensgemeinschaften, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Die Bundesregierung sollte lokale Initiativen und Freiwilligenarbeit stärker fördern und einen Digitalisierungs- und Innovationsfonds auf den Weg bringen – einen Fonds, der mehr Projekte wie das Plaudernetz möglich macht.“ Unterstützung kommt von Schwertner auch für die Idee nach einem Mindestalter für die Nutzung von Social-Media-Plattformen nach australischem Vorbild. „Kinder brauchen Schutzräume, keine Shitstorms. Ein Mindestalter für Social Media – wie in Australien – wäre ein wichtiger Schritt, um junge Menschen vor digitalem Druck und manipulativen Algorithmen zu bewahren.“
ÜBER 70.000 GESPRÄCHE: PLAUDERNETZ MIT REKORDZAHLEN. EXPANSION NACH DEUTSCHLAND
Flora Gall, Leiterin des Plaudernetzes, zur Frage, wie Einsamkeit effektiv verringert werden kann: „Zwei Drittel der Befragten stimmen der Aussage zu, dass ein gutes Telefonat hilft, sich weniger einsam zu fühlen – unabhängig von Alter oder Einkommen. Mehr als die Hälfte berichtet außerdem von positiven Effekten sozialen Engagements, etwa durch ehrenamtliche Tätigkeiten. Diese Ergebnisse spiegeln auch den Erfolg des Plaudernetzes wider.“ Seit dem Start im April 2020 wurden über die Caritas Hotline gegen Einsamkeit über 70.000 Gespräche mit insgesamt 1,85 Millionen Gesprächsminuten geführt, allein 2025 mehr als 15.000 Gespräche. Über 4.100 freiwillige Plauderpartner*innen engagieren sich aktuell und beweisen: Zuhören wirkt! Das Plaudernetz ist anonym, kostenlos und täglich zwischen 10 und 22 Uhr unter 05 1776 100 erreichbar. Was als rasche Antwort auf die Kontaktbeschränkungen der Corona-Pandemie in Kooperation mit Magenta begann, hat sich zu einem nachhaltigen Projekt der psychosozialen Prävention entwickelt und ist inzwischen auch in Deutschland gestartet. Dabei ist das Plaudernetz bewusst keine Krisenhotline, sondern ein Ort für alltägliche Gespräche, menschliche Nähe und gelebte Solidarität. Gall: „Gerade diese Niederschwelligkeit macht das Angebot so wirksam, und in Zeiten wachsender Einsamkeit so notwendig.“
Caritas Angebote gegen Einsamkeit: www.caritas-wien.at/wege-aus-der-einsamkeit
Studie zum Download unter www.caritas-wien.at
Caritas der Erdziözese Wien
Ulrike Fleschhut
Telefon: 0664/848 26 17
E-Mail: ulrike.fleschhut@caritas-wien.at
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