
Erinnerung als lebendiger Auftrag: Internationaler Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust im Parlament
Letter of Intent zwischen Nationalfonds und Yad Vashem unterzeichnet
Heute vor 81 Jahren – am 27. Jänner 1945 – befreiten Truppen der Roten Armee die letzten Überlebenden des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau. 2005 erklärten die Vereinten Nationen den Jahrestag dieses Ereignisses zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust. Im Mittelpunkt der heutigen Gedenkveranstaltung des Parlaments stand das Erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus sowie die Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur jüdischer Menschen, die verfolgt, vertrieben und ermordet wurden. Die Gedenkveranstaltung wollte dazu einladen, Erinnerung als lebendigen Auftrag zu verstehen und das kulturelle Erbe der Opfer sichtbar zu machen.
Um einen literarischen Zugang zu den Erfahrungen einer Überlebenden der nationalsozialistischen Verfolgung zu eröffnen, las die Schauspielerin Martina Ebm ausgewählte Passagen aus dem Buch „weiter leben. Eine Jugend“ von Ruth Klüger. Klügers Autobiografie stellt ein persönliches Zeugnis der in Wien geborenen Jüdin über ihre Stationen des Überlebens in mehreren NS-Konzentrationslagern dar und ist zugleich ein eindringliches Zeugnis für die Mahnworte „Niemals vergessen“. Zudem trug Ebm das Gedicht „Der Kamin“ von Klüger aus dem Jahr 1944 vor. Die Autorin war damals noch keine 14 Jahre alt.
Musikalisch begleitet wurde die Veranstaltung durch Werke von vom NS-Terrorregime verfolgten jüdischen Komponisten. Moderiert wurde die Veranstaltung von der Journalistin Renata Schmidtkunz.
ROSEN: ES BRAUCHT ENTSCHLOSSENES UND KONSEQUENTES RECHTSSTAATLICHES HANDELN GEGENÜBER EXTREMISTISCHEN KRÄFTEN
Die Keynote der Gedenkveranstaltung hielt Elie Rosen, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde für die Bundesländer Salzburg, Steiermark und Kärnten. Der Holocaust sei kein plötzlicher Zivilisationsbruch, sondern ein schleichender Prozess gewesen, der mit Worten, Ausgrenzung und der Normalisierung von Hass begonnen habe. In Zeiten eines vor allem immer stärker aufkommenden radikalen Islamismus dürfe das Gedenken kein Selbstzweck oder Ritual sein. Gerade gegenüber den Opfern des Nationalsozialismus sei man verpflichtet, wachsam zu sein und die aktuelle gesellschaftliche Entwicklung mit großer Sensibilität und Verantwortung zu betrachten, sagte Rosen. So sei der Rechtsextremismus nicht mehr die einzige Gefahr für die Demokratie und den Rechtsstaat. Vor allem ein „gewaltlegitimierender Islamismus mit seinem Hass gegen Jüdinnen und Juden und westliche Werte“ sei kein Randphänomen, sondern organisiert und transnational. Aber auch „Teile des linksextremistischen Spektrums“ würden zunehmend gemeinsam mit islamistischen Akteuren auftreten und bewusst rechtsstaatliche Grenzen überschreiten. Besonders alarmiert zeigte sich der Kultusrat über „die Offenheit des Antisemitismus an den Universitäten und in der Kulturszene“, wo zunehmend „Räume der Einschüchterung“ geschaffen würden.
Für Rosen ist „die entscheidende Frage unserer Zeit, wie wir soziale Medien als Räume nutzen, um unsere Demokratie zu verteidigen, erneuern und zu stärken“. Die heutigen Eskalationen seien das Ergebnis „jahrelanger Relativierung, falscher Toleranz und politischer Verdrängung“. Anstelle nationaler Programme und Strategien gegen Antisemitismus brauche es „entschlossenes und konsequentes rechtsstaatliches Handeln gegenüber Extremismus“.
ARCHIVARBEIT VON YAD VASHEM SOLL FÜR JÜNGERE GENERATIONEN DIGITALISIERT WERDEN
Im Vorfeld der Gedenkveranstaltung haben der Vorsitzende des Komitees und des Kuratoriums des Nationalfonds, Zweiter Nationalratspräsident Peter Haubner, und der Vorstandsvorsitzende der Internationalen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, Dani Dayan, im Parlament einen Letter of Intent unterzeichnet. Die Republik Österreich und der Staat Israel seien Mitgliedstaaten der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA), heißt es in der Erklärung. Die IHRA habe sich der Stockholmer Erklärung verpflichtet, „Bildung über den Nationalsozialismus und das Gedenken an den Holocaust zu stärken“. Sowohl Yad Vashem als auch der Nationalfonds teilen dieses Ziel ausdrücklich, wird in dem Letter of Intent festgehalten.
Unterstrichen wird auch die besondere Bedeutung der Arbeit von Yad Vashem bei der Sammlung und Katalogisierung von Holocaust-Dokumenten aus Österreich sowie international. Man wolle für jüngere Generationen die Archivarbeit auch in den digitalen Raum bringen, kündigte Haubner an. Ziel sei, dass auch Jugendliche im Internet die Geschichten von NS-Opfern recherchieren können.
„Was Jüdinnen und Juden während der Shoah angetan wurde, ist mit Worten nur schwer zu fassen“, so Haubner. Die Erinnerung an die systematische Ermordung von über sechs Millionen jüdischen Kindern, Frauen und Männern dürfe niemals enden. Festgehalten wurde im Gespräch zwischen Haubner und Dayan die Verantwortung für die Holocaust-Erinnerung als universeller, globaler Auftrag. Denn das Vergessen des Bösen sei die Erlaubnis zu seiner Wiederholung.
Der Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus wurde 1995 gegründet, um die besondere Verantwortung der Republik Österreich zum Ausdruck zu bringen.
Zudem beteiligt sich das Parlament auch heuer wieder an der weltweiten Kampagne #WeRemember, die der Jüdische Weltkongress und die UNESCO zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus ins Leben gerufen haben. Der Schriftzug wird dafür auf die Fassade des Parlaments projiziert. (Schluss) med/mbu
HINWEISE: Fotos von der Gedenkveranstaltung und der Unterzeichnung des Letter of Intent sowie eine Nachschau auf vergangene Veranstaltungen finden Sie im Webportal des Parlaments. Eine Aufzeichnung der Veranstaltung wird zudem als Video-on-Demand in der Mediathek des Parlaments zur Verfügung gestellt.
————————-
Pressedienst der Parlamentsdirektion
Parlamentskorrespondenz
Tel. +43 1 40110/2272
pressedienst@parlament.gv.at
www.parlament.gv.at/Parlamentskorrespondenz
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS. www.ots.at
© Copyright APA-OTS Originaltext-Service GmbH und der jeweilige Aussender