Offener Brief der Mitarbeiter:innen des Anton Proksch Instituts an politische Entscheidungsträger:innen

Warnung vor massiven Einsparungen im Wiener API: Suchtbehandlung ist keine Randversorgung, sondern unverzichtbare Daseinsvorsorge

Mit einem offenem Brief wenden sich die Mitarbeiter:innen des von massiven Einsparungen betroffenen Anton Proksch Instituts (API) in Wien an politische Entscheidungsträger:innen, Sozialversicherungsträger, Kostenträger und weitere Verantwortungsträger:innen im Gesundheits- und Sozialwesen und stellen klar: „Suchtbehandlung ist keine Randversorgung – sie ist unverzichtbare Daseinsvorsorge“.

Sie warnen, dass unbehandelte oder unzureichend behandelte Suchterkrankungen zu mehr Krankenständen und Arbeitsausfällen, Verlust von Arbeitsfähigkeit und Erwerbsbiografien, höheren Kosten im Akutspitalsbereich, mehr psychiatrischen und internistischen Folgeerkrankungen, familiären Krisen, Kindeswohlgefährdungen und sozialen Zerwürfnissen, mehr Belastung für Sozialhilfe, Justiz, Wohnungslosenhilfe und Pflege, und letztlich zu enormen volkswirtschaftlichen Schäden führen würden.

Die API-Mitarbeiter:innen fordern daher, ein klares politisches Bekenntnis zur Notwendigkeit spezialisierter Suchtbehandlung, eine auskömmliche und nachhaltige Finanzierung entsprechender Einrichtungen, speziell des API, Entscheidungen mit Blick auf langfristige gesellschaftliche Auswirkungen statt kurzfristiger Budgeteffekte, die Anerkennung, dass Prävention, Therapie und Rehabilitation bei Suchterkrankungen der gesamten Gesellschaft dienen. „Wer Suchtbehandlung abbaut, spart nicht – er verschiebt Kosten, Leid und Verantwortung in die Zukunft“, betonen die Mitarbeiter:innen im offenen Brief.

Unterstützt werden die Anliegen der API-Mitarbeiter:innen von der Gewerkschaft vida. „Hier zu kürzen ist kurzsichtig. Kurzfristige Finanzierungsmechanismen und akute Kürzungen gefährden Heilungsprozesse, Entzüge und Präventionsarbeit sowie die Begleitung von betroffenen Angehörigen. Die Folgekosten am Arbeitsmarkt, in den Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen, sowie im Sozialversicherungssystem werden hoch sein. Ganz zu schweigen von den persönlichen Schicksalen Betroffener und ihrer Angehörigen“, warnt Gerald Mjka, Vorsitzender des vida-Fachbereichs Gesundheit.

Der offene Brief im Wortlaut:

OFFENER BRIEF DER MITARBEITERINNEN UND MITARBEITER DES ANTON PROKSCH INSTITUTS

an Entscheidungsträger:innen in der Politik, Sozialversicherungsträger, Kostenträger und weitere Verantwortungsträger:innen im Gesundheits- und Sozialwesen.

Suchtbehandlung ist keine Randversorgung – sie ist unverzichtbare Daseinsvorsorge!

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir wenden uns als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Anton Proksch Instituts mit großer Sorge an Sie. Unsere Einrichtung ist von massiven Einsparungen betroffen. Diese Entwicklungen gefährden nicht nur einzelne Arbeitsplätze oder interne Strukturen, sondern im schlimmsten Fall die Existenz einer spezialisierten Versorgungseinrichtung, die für das Gesundheitswesen und für die Gesellschaft insgesamt von erheblicher Bedeutung ist. Zahlreiche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben bereits ihren Arbeitsplatz verloren. Für viele Kolleginnen und Kollegen bedeutet dies nicht nur einen beruflichen Einschnitt, sondern auch eine persönliche wirtschaftliche Belastung mit spürbaren Folgen für ihre Existenz und ihre Familien.

Sucht betrifft nicht nur sogenannte Randgruppen. Sucht betrifft Menschen aus allen Schichten der Gesellschaft: Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, Eltern, Jugendliche, Pensionistinnen und Pensionisten, Selbständige, Führungskräfte, Menschen in Verantwortung, Menschen mit hoher öffentlicher Sichtbarkeit ebenso wie jene, die im Stillen leiden. Suchterkrankungen sind kein Randphänomen, sondern eine Volkskrankheit mit schweren individuellen, familiären, sozialen und volkswirtschaftlichen Folgen.

Das Anton Proksch Institut behandelt Menschen mit Suchterkrankungen professionell, multiprofessionell und mit der notwendigen Diskretion. Gerade diese Diskretion ist für viele Patientinnen und Patienten entscheidend. Unter unseren Behandelten sind auch Personen, die in der Öffentlichkeit stehen oder in gesellschaftlich sensiblen Funktionen tätig sind. Für sie wie für alle anderen gilt: Nur wenn es verlässliche, qualitätsvolle und geschützte Behandlungsangebote gibt, kann Hilfe rechtzeitig angenommen werden.

Die Auswirkungen der aktuellen Entwicklung sind bereits deutlich spürbar. Für Patientinnen und Patienten aus Wien kommt es schon jetzt zu Einschränkungen beim Zugang zur Behandlung. Erste Betroffene erleben bereits konkrete negative Folgen – etwa verzögerte Aufnahmen, eingeschränkte Behandlungsmöglichkeiten oder längere Wartezeiten auf dringend benötigte Therapieplätze. Die Folgen der finanziellen Einschnitte werden damit früher und deutlicher sichtbar als ursprünglich angenommen.

Wird diese Versorgung weiter geschwächt oder zerstört, verschwinden die Probleme nicht. Sie verlagern sich nur – und zwar mit erheblich höheren Folgekosten.

DENN UNBEHANDELTE ODER UNZUREICHEND BEHANDELTE SUCHTERKRANKUNGEN FÜHREN ZU:

mehr Krankenständen und Arbeitsausfällen,

Verlust von Arbeitsfähigkeit und Erwerbsbiografien,

höheren Kosten im Akutspitalsbereich,

mehr psychiatrischen und internistischen Folgeerkrankungen,

familiären Krisen, Kindeswohlgefährdungen und sozialen Zerwürfnissen,

mehr Belastung für Sozialhilfe, Justiz, Wohnungslosenhilfe und Pflege,

und letztlich zu enormen volkswirtschaftlichen Schäden.

Jeder Euro, der in qualitätsvolle Suchtbehandlung investiert wird, spart an anderer Stelle ein Vielfaches. Wer heute bei der Behandlung spart, zahlt morgen mit Zinsen – als Gesellschaft, als Gesundheitssystem, als Sozialstaat und als Volkswirtschaft.

WIR APPELLIEREN DAHER MIT NACHDRUCK AN POLITIK, KOSTENTRÄGER UND ALLE RELEVANTEN STAKEHOLDER:

Erhalten Sie spezialisierte Suchtbehandlung.

Sichern Sie die Finanzierung unserer Versorgung.

Verhindern Sie, dass kurzfristige Sparlogik langfristige gesellschaftliche Schäden produziert.

Es geht hier nicht um Partikularinteressen. Es geht um die Frage, ob eine Gesellschaft bereit ist, Menschen mit einer schweren Erkrankung rechtzeitig, wirksam und würdevoll zu behandeln – oder ob sie bereit ist, die viel höheren Folgekosten des Wegsehens zu tragen.

Eine Suchtklinik ist kein verzichtbarer Kostenfaktor. Sie ist ein zentraler Bestandteil einer funktionierenden Gesundheits- und Sozialversorgung.

Wir fordern daher:

1. ein klares politisches Bekenntnis zur Notwendigkeit spezialisierter Suchtbehandlung,

2. eine auskömmliche und nachhaltige Finanzierung entsprechender Einrichtungen, speziell des Anton Proksch Instituts,

3. Entscheidungen mit Blick auf langfristige gesellschaftliche Auswirkungen statt kurzfristiger Budgeteffekte,

4. die Anerkennung, dass Prävention, Therapie und Rehabilitation bei Suchterkrankungen der gesamten Gesellschaft dienen.

Wir stehen täglich im Kontakt mit Menschen, deren Leben, Familien und berufliche Existenzen auf dem Spiel stehen. Wir wissen aus unserer Arbeit: Behandlung wirkt. Hilfe wirkt. Frühzeitige Intervention wirkt. Doch sie kann nur wirken, wenn die Strukturen dafür erhalten bleiben.

Wer Suchtbehandlung abbaut, spart nicht – er verschiebt Kosten, Leid und Verantwortung in die Zukunft.

Mit Nachdruck und in großer Sorge,

die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Anton Proksch Instituts

Gewerkschaft vida/Öffentlichkeitsarbeit
Hansjörg Miethling
Telefon: 0664 / 614 57 33
E-Mail: hansjoerg.miethling@vida.at

www.vida.at

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