
Offener Brief von 14 NGOs fordert faktenbasierte Wolfsdebatte: Wissenschaft und EU-Recht müssen Grundlage politischer Entscheidungen sein
_14 österreichische Natur- und Tierschutzorganisationen haben sich in einem offenen Brief an politische Entscheidungsträger:innen sowie Medien gewandt und fordern eine sachliche, wissenschaftsbasierte Debatte über den Wolf (Canis lupus) in Österreich. Der zentrale Appell: Der Umgang mit dem Wolf muss sich an wissenschaftlichen Erkenntnissen und europarechtlichen Vorgaben orientieren – nicht an politischen Kurzschlusslösungen._
Der offene Brief stellt klar, dass sich der Wolf in Österreich derzeit NICHT IN EINEM GÜNSTIGEN ERHALTUNGSZUSTAND befindet. Laut aktuellem Artikel-17-Bericht (2019–2024) wird die Population mit U1+ („ungünstig-unzureichend“) bewertet. Sie umfasst lediglich acht Rudel und zeigt keinen stabilen Wachstumstrend. Dennoch wurden seit 2022 insgesamt 58 Abschüsse behördlich genehmigt. In wiederholten Änderungen der Jagdgesetze mancher Bundesländer, wie jüngst in Tirol, wurden die Kriterien für den Abschuss von Wölfen sukzessiv gelockert, bis vom ursprünglich Schutz nichts mehr übrig ist.
EU-RECHT IST VERBINDLICH
Michaela Lehner, Leiterin der Stabstelle Recht von Tierschutz Austria, betont:
„Das Gutachten von Schumacher et al. (2026) bestätigt, dass Abschüsse von Wölfen nur unter strengen Voraussetzungen zulässig sind. Solange der günstige Erhaltungszustand nicht erreicht ist, verbietet das europäische Recht jede Form der Tötung.“
Für einen günstigen Erhaltungszustand wären in Österreich deutlich größere Populationen erforderlich – etwa rund 100 Rudel im Alpenraum sowie 16 zusätzliche Rudel im Wald- und Mühlviertel. Zudem muss der Erhaltungszustand zwingend auf lokaler, nationaler und biogeografischer Ebene bewertet werden und durch ein FFH-konformes Monitoring abgesichert sein.
WISSENSCHAFT STATT SYMBOLPOLITIK
Der Verhaltensbiologe Kurt Kotrschal kritisiert die aktuelle politische Praxis:
„Mit dem Vorgaukeln, man würde das Problem mit Abschuss lösen, lässt man die Bauern und Bäuerinnen im Regen stehen. Für ein konfliktarmes Zusammenleben braucht es Rudelbildung, bei gleichzeitigem hochwertigen Herdenschutz.“
Wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen klar: Abschüsse sind kein geeignetes Mittel zur nachhaltigen Reduktion von Nutztierrissen. Die Zerstörung stabiler Rudel kann Konflikte sogar verstärken.
ÖKOLOGISCHE BEDEUTUNG UND FALSCHE NARRATIVE
Die Umweltbiologin Andrea Hagn (ANCA) betont:
„Die Rückkehr des Wolfs ist ein Erfolg jahrzehntelanger Schutzbemühungen. Die niedrige Schwelle zur Einstufung von ‚Risiko- und Schadwölfen‘, die Tötungen vorausgeht, widerspricht europäischem Artenschutzrecht, jeder Wildtierethik und fachlichen Grundlagen. Menschen gehören nicht in das Beuteschema des Wolfs. In Siedlungsnähe muss Verhalten, nicht Abstand zu menschlichen Behausungen und bei Weidevieh weiterhin die Überwindung von sachgerechtem Herdenschutz ausschlaggebend sein.“
Als Schlüsselart erfüllt der Wolf wichtige Funktionen im Ökosystem, fördert die Biodiversität und kann langfristig positive Effekte für Land- und Forstwirtschaft haben.
FORDERUNGEN DER ORGANISATIONEN
Die unterzeichnenden Organisationen fordern:
* eine konsequente Orientierung an wissenschaftlichen Erkenntnissen,
* die Einhaltung des europäischen Naturschutzrechts,
* Förderung eines sachgerechten Herdenschutzes,
* sowie eine sachliche und differenzierte Berichterstattung.
Zugleich warnen sie davor, den Wolf als Sündenbock für strukturelle Probleme der Landwirtschaft zu instrumentalisieren. Eine evidenzbasierte Debatte sei entscheidend, um Konflikte zu reduzieren und tragfähige Lösungen für Mensch und Natur zu entwickeln.
LINK ZUM OFFENEN BRIEF: https://www.tierschutz-austria.at/offener-brief-wolf26
Tierschutz Austria
Mag. Martin Aschauer
Telefon: 069916604075
E-Mail: martin.aschauer@tierschutz-austria.at
Website: https://www.tierschutz-austria.at/
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