
Horst Biedermann: Längere integrative Volksschule bringt mehr Chancengerechtigkeit
DIE GESPRÄCHSREIHE „DIALOGE AM STEPHANSPLATZ“ WIDMETE SICH AM 5. MAI 2026 IN EINER RESTLOS AUSGEBUCHTEN VERANSTALTUNG EINEM AKTUELLEN BILDUNGSPOLITISCHEN THEMA: „WELCHE PERSPEKTIVEN HAT EINE SECHSJÄHRIGE VOLKSSCHULE? ZUKUNFTSFÄHIGE BILDUNGSVISIONEN ZWISCHEN ANSPRUCH UND REALITÄT.“ ZU ENTWICKLUNGSPERSPEKTIVEN FÜR ÖSTERREICH DISKUTIERTEN KEYNOTE SPEAKER REKTOR HORST BIEDERMANN VON DER PH ST. GALLEN/CH, DIE WIENER BILDUNGSDIREKTORIN ELISABETH FUCHS UND DIE REKTORIN DER KPH WIEN/NIEDERÖSTERREICH, ULRIKE GREINER. MODERIERT WURDE DIE DISKUSSION VON DER INSBESONDERE IM BEREICH WIRTSCHAFTSBILDUNG ENGAGIERTEN ÖKONOMIN BIRGIT NIESSNER.
In seiner Keynote gab der renommierte Bildungsforscher Biedermann Einblicke in die Praxis der Primarstufe in der Schweiz. Sie umfasst dort in der Regel sechs Jahre, bevor Schülerinnen und Schüler in unterschiedliche weiterführende Schulformen übertreten. Diese Struktur ist im schweizerischen Bildungssystem fest verankert und wird von den Kantonen gemeinsam koordiniert. Seine Perspektive zeigte, wie eine längere gemeinsame Schulzeit im Primarbereich organisatorisch und pädagogisch gestaltet werden kann – und welche Erfahrungen sich daraus ableiten lassen. Biedermann betonte den generellen wissenschaftlichen und empirischen Konsens darüber, dass eine längere integrative Primarstufenzeit nicht nur eine höhere Chancengerechtigkeit, sondern auch Begabungsentfaltungen begünstige. Auch wie wichtig es sei, dass möglichst viele, flexibel gestaltbare Übergänge zwischen unterschiedlichen Ausbildungswegen offen gehalten werden.
Die lebhafte Diskussion am Podium und mit dem hochkarätigem Publikum, Schulleitungen, Lehrpersonen und Hochschullehrenden über Chancen und Herausforderungen einer möglichen Umsetzung in Österreich warf zentrale Fragen auf, welche bei einer Systemänderung berücksichtigt werden müssten, wie etwa:
* Was können wir aus der Konzeption der 6-jährigen Volksschule in anderen Ländern, insbesondere in der Schweiz lernen, mit Blick auf die jetzige österreichische Volksschule? Wie werden Lernpfade gedacht?
* Welche Fachlehrkräfte würde es für eine sechsjährige Volksschule brauchen und wie sollten diese ausgebildet werden? Welche Fächer oder Fächerbündel soll es geben
* Wie könnte es nach den 6 Jahren Volksschule weitergehen? Wer entscheidet, in welche Schulform dann gewechselt werden darf/soll?
ENTSCHEIDEND SIND DIE LEHRPERSONEN
„Wirksamer Unterricht lässt sich nicht durch die Struktur eines Bildungssystems realisieren. Entscheidend dafür ist die Arbeit der Lehrpersonen mit den Lernenden“ hebt Biedermann hervor. „Durch Strukturen werden jedoch Bedingungen geschaffen, welche Schülerinnen und Schülern unterschiedlich chancengerechte Zugänge zu Bildungswegen eröffnen und Lehrpersonen je andersartige Orientierung geben“, ergänzt der Bildungsexperte.
VOLKSSCHULE BEDEUTSAM FÜR SPÄTERE BILDUNGSBIOGRAPHIE
Rektorin Ulrike Greiner betonte: „Die Volksschule hat den Anspruch, einen gemeinsamen Grundstock an Bildung abzusichern. Sie hat eine enorme Bedeutung für die Bildungsbiographie eines Menschen. Beherrschung der Kulturtechniken, Schulfreude, Lernmotivation und Leistungsbereitschaft werden hier grundgelegt.“ Ihre Forderung: „Das braucht mehr Zeit. Wir brauchen eine kluge Reform, möglichst ohne unerwünschte Nebeneffekte.“
SPÄTERE SELEKTION BEGRÜSSENSWERT
Bildungsdirektorin Elisabeth Fuchs hielt fest: „Jede Maßnahme, die die Selektion der 10-jährigen auf einen späteren Zeitpunkt verschiebt, ist grundsätzlich zu begrüßen. Wesentlich ist aber, welches Konzept zu Grunde gelegt wird.“ Fuchs betont dazu vor allem den Aspekt der Bildungsgerechtigkeit: „Egal wie dieses Konzept aussieht, die Chancengerechtigkeit muss dabei im Vordergrund stehen und von den Schulanfänger*innen bis zum Ende der schulischen Bildung durchgängig entwickelt werden.“
Worüber sich alle gleichermaßen einig waren, war die Notwendigkeit einer zeitnahen Veränderung im Bildungssystem, parallel zum schnell fortschreitenden gesellschaftlichen Wandel. Ebenso auch, dass jedes Land von anderen Ländern lernen kann, aber seinen spezifisch eigenen Weg entwickeln und gehen muss – wohldurchdacht, ohne Schnellschüsse und mit einem möglichst hohen Konsens abseits von Ideologien.
Mag. Johannes Martschin
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